Hippieparty in Go(m)a

Bei unserem letzten Treffen mit Detlef Schauwecker erzählte er uns von einem Handwerkerfest, das bald in seinem Café stattfinden würde. Er lud uns ein, die Nacht im Dorf Goma zu verbringen. Die Betto-Cho-Crew nahm das Angebot an. Und es war super.

Durch die Nacht auf dem LKW
Durch die Nacht auf dem LKW

Goma liegt etwa eine Stunde mit der Bahn von Kyoto entfernt. Im Dorf kennt tatsächlich jeder Schauwecker-san. Genauso, wie das ドイツ-Café. Detlef holte uns mit seinem Mini-LKW vom Bahnhof ab und auf der Ladefläche ging es zu seinem Café und Wohnhaus.

Von Detlef gab es ein sehr leckeres Abendbrot (mit selbst gebackenem Brot – Brot kann so gut schmecken …). Detlefs anderes Auto musste abgeholt werden und so war ich nach kürzester Zeit Autofahrer in

Wrooom!
Wrooom!

Japan – auch, wenn mein Führerschein hier nicht gilt. Auf dem Land in Japan ist es so, wie in Dörfern in Deutschland vor 30 Jahren: Man kann über alles reden.

Das war für uns dann auch ein großes Glück bei dem, was Detlef als Abendprogramm geplant hatte: Nahe Goma gibt es ein Onsen, ein heißes Quellenbad.

Tattooed Gaijin
Tattooed Gaijin

Diese Bäder sind in der Regel öffentliche Einrichtungen und unterliegen dem Tattooverbot. Deutliche Schilder ca. alle fünf Meter weisen auf Englisch und Japanisch darauf hin. Glücklicherweise kennen – wie gesagt – alle Schauwecker-san. Und so wurde ich kurzerhand sein Vetter aus Deutschland und, nachdem man mir das Versprechen abnahm, mich mit einem Handtuch zu bedecken, solange ich nicht in den Bädern sei, mache man eine Ausnahme.

Das Onsen war unglaublich: Das heiße Quellenwasser ist sehr salzig und erinnert stark an die Sole in Lüneburg. Besonders angetan hat es mir ein Becken, das nur etwa eine Handbreit mit Wasser gefüllt ist. Man liegt auf dem Rücken und nur die untere Körperhälfte ist im heißen Wasser. Der Naturstein ist so warm, dass man nicht friert – einfach angenehm.

Nach knapp zwei Stunden ging es zurück nach Goma, wo es einen deftigen Gemüseeintopf mit Brot und Apfelkuchen als Nachtmahl gab.

In einem – etwas unordentlichen – Wohnzimmer schlugen wir unser Nachtlager neben einer brennenden Öllampe auf. Japan ist, was Heizungen angeht, recht bodenständig. Insofern schlief ich in der Kälte mit einer wunderbaren Wollmütze auf dem Kopf.

Nach dem Aufstehen hatte sich der Hof bereits in ein recht buntes Treiben verwandelt. Detlef und seine Frau hatten schon begonnen, aufzubauen. Nach einem schnellen Frühstück halfen wir beim Aufbau.

Der Handwerkermarkt war wirklich toll. Die Gäste waren sehr interessiert daran, mit uns zu reden und uns zu zeigen, was sie haben. Es war sehr nett und irgendwie gehörten wir, weil wir zu Schauwecker-san gehörten, “dazu”. So öffneten sich die Japaner etwas mehr – wir durften mit den Kindern spielen, die die Gaijin mit großen Augen anstarrten. Es gab japanische Hausmannskost, viel Kunsthandwerk und unendlich nette Gespräche. Die Fahrt nach Goma hat sich mehr als gelohnt.

Unter großem Hallo durften “die deutschen Männer”, dann beim traditionellen Reisschlagen für den Mochiteig mithelfen. Das passiert mit einem gigantischen Hammer: Der Reis wird so lange geschlagen, bis er eine feste, klebrige Masse ergibt. Dann formen die Frauen die Mochi und servieren sie sofort in der noch warmen Rote-Bohnen-Soße. Köstlich.

Auch sonst gab es eine ganze Menge zu sehen. Besonders angetan haben es mir die aus Papier gefalteten Fische, von denen ich mir ein Mobile gekauft habe.

Das Haus von Schauwecker-san
Das Haus von Schauwecker-san

Gegen Nachmittag machten wir uns dann, satt und glücklich, auf den Weg zum Bahnhof. Der Weg durch die Reisfelder war reichlich kitschig – aber reichlich schön.

Die Tour nach Goma war ein großartiges Erlebnis. So nah mit Japanern in Kontakt zu kommen, ist nicht ganz einfach. Bei diesem Fest aber, konnte man sehen, wie herzlich die Japaner sind, wenn man “dazu gehört”. Das, was Prof. Knecht uns sonst nur dozierte, konnten wir hier aus erster Hand erleben. Unsere Zugehörigkeit zu Schauwecker-san hat uns ermöglicht, in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Abgesehen von den Japanern machte noch jemand ganz anderes Urlaub und entspannte von seinen fordernden Pflichten. Beim Angeln konnte Lord Vader sich vom Kampf gegen die Rebellen erholen.

"I find your lack of bait disturbing."
“I find your lack of bait disturbing.”

Drei Knaller

Mir fällt einfach kein besserer Titel ein, als das – man mag das der heutigen Müdgkeit zuschreiben. Egal.

Die vergangen Tage haben drei wirklich tolle Erlebnisse, die ich persönlich als “Knaller” bezeichnen würde, mit sich gebracht.

Tanuki-dani

Gemeinsam mit dem Sinologen Detlev Köhn, der auch für unseren Japanischunterricht zuständig ist, haben wir in den vergangenen Wochen immer wieder Fieldtrips gemacht. Als besonderes Bonbon hat Detlev sich für unsere letzte Tour den Tanuki-dani aufgespart.

Ein Tanuki voller Moos - gruselig
Ein Tanuki voller Moos – gruselig

Tanuki, oder Maderhunde, gelten in Japan als Glücksfiguren und werden – warum auch immer – mit einem gewaltigen Hoden dargestellt. Der Tanuki-dani ist gewissermaßen die “Ruhestätte” der Tanuki, die überall vor Läden oder Häusern stehen. Tanuki, die ihr Glück gebracht haben, werde hierher gebracht.

Torii säumen die Stufen
Torii säumen die Stufen

Die Anlage liegt wirklich wunderschön in den Bergen und erstreckt sich ein ganzes Stück den Berg hinauf. Man durchquert einen Schrein, dessen dutzende Torii die Stufen säumen. Sehr atmosphärisch und wirklich ein “anderer” Ort. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt.

Im eigentlichen Schrein-/Tempelbereich findet sich ein Unterschrein für den Toilettenkami (kein Scheiß – ba dum tss). Diese Gottheit soll den Stuhlgang schützen und es gibt Aufkleber zu kaufen, die man an seiner WC Türe anbringen kann. Reichlich skurril, aber es zeigt deutlich, dass es für alles einen Kami gibt.

Der Besuch ging aber großartig weiter: Detlev erklärte unter anderem, dass es hier eine Stelle gibt, an der während Zeremonien unter einem Wasserfall geduscht wird. Und, was soll ich sagen: Das ist seit Jahren ein Traum von mir.

So wie Gott mich schuf
So wie Gott mich schuf

Ziemlich kurz entschlossen fielen alle Hüllen und ich stand unter dem Wasserfall. Ein wenig vollgepumpt mit Adrenalin – immerhin konnte jederzeit jemand auftauchen – genoss ich diesen Moment wirklich sehr. So nah mit der Natur und “allem” habe ich mich noch nie verbunden gefühlt. Ein großartiges Erlebnis.

Es ging den Berg weiter hinauf. Hier sahen wir dann etwas, was mich wirklich nachhaltig bewegt.

Jizō, umgeben von Windrädern für tote Kinder
Jizō, umgeben von Windrädern für tote Kinder

Von Jizō habe ich schon einmal berichtet. Zusammengefasst: Jizō ist ein Heiliger, dessen Aufgabe ist es, die Toten über einen Fluss zu bringen, von wo aus sie ins Jenseits gelangen können. Vor allem gilt er als Schutzheiliger für abgetriebene oder totgeborene Kinder.

hunderte Jizō
hunderte Jizō

Jedes der Windräder steht für ein Kind, welches “auf dem Wege ist, den Fluss zu überschreiten”, also für ein totes Kind.

Auf den Tafeln stehen die Namen von Kindern, erst wenn diese durch Regen und Witterung abgewaschen sind, hat die Seele des toten Kindes den Weg sicher über den Fluss geschafft.

Besonders traurig gemacht hat mich ein älteres Ehepaar. Der Mann betete weinend vor der großen Jizōfigur und entzündete eine Kerze und Räucherstäbchen. Ein traurige, besondere Atmosphäre.

Der Blick den Berg hinab
Der Blick den Berg hinab

Nach dem Aufstieg zum Tempel und einer Pause, entschlossen sich Julius und ich auch noch einen Pilgerweg, der “in den Berg” führt zu gehen. Vorbei an 36 Heiligenfiguren führt dieser Pfad (und Weg wäre wirklich zuviel gesagt) über Stock und Stein.

Auf dem Pilgerpfad
Auf dem Pilgerpfad

Belohnt wurden wir nicht nur mit einem tollen Blick, sondern schließlich auch mit dem Abstieg durch einen Bachlauf (inklusive nasser Füße), zwei Runinen, einer herrlichen Stille und einer Atmosphäre, die mich einmal mehr verstehen lässt, warum im Shintō die Idee der Powerspots und der Kami existiert. Irgendetwas – ich würde es Gott nennen – spürt man in diesen Augenblicken.

der verfallene Schrein
der verfallene Schrein

Als Abschluss der grandiosen Tour fanden wir einen verlassenen und verfallenen Schrein für den, so vermuten wir, Bergkami. Eine wirklich tolle Tour durch den Berg.

Im alten Schrein - erschöpft aber glücklich
Im alten Schrein – erschöpft aber glücklich

Happy Birthday!

Und ja … ich hatte Geburtstag. Nach japanischem Verständnis bin ich 29 geworden, nach unserer “Zeitrechnung” 28. Wie man es auch dreht und wendet: Ich bin ein Greis.

Die Betto-Cho Crew hat mir einen wirklich schönen Tag bereitet und am Abend ging es mit Teramoto-sensei und Hibiki, einem Schüler von Teramoto-sensei, mit dem wir zusammen Buddhist Text Reading haben, zur カラオケ. Ein sehr toller Abend, inklusive dem Irish Pub Abschluss “My Way” – Heimat in der Fremde. Ein toller Tag. Danke!

カラオケ!
カラオケ!

 

Sanzen-in

Der dritte Hammer war dann heute unsere Tour mit Prof. Schauwecker die Tour zum Sanzen-in. Detlef Schauwecker lebt seit etwa 40 Jahren in Japan und hat mit uns eine Veranstaltung zur japanischen Kulturgeschichte gehabt. Seit der Abreise von Prof. Repp ist er gewissermaßen für uns zuständig.

Gemeinsam mit Somon Horisawa und Detlef Schauwecker
Gemeinsam mit Somon Horisawa und Detlef Schauwecker

Detlef hatte für uns ein Treffen mit dem Abt von Sanzen-in arrangiert. Und so hatten wir heute Gelegenheit, eine gute Stunde mit Somon Horisawa zu sprechen und Fragen zu Tendai zu stellen.

Nach dem sehr freundschaftlichen und netten Gespräch blieb noch ein wenig Zeit, den Tempel selbst und vor allem den Garten zu besichtigen.

Der Zeitpunkt war gut: Sonnenuntergang in einem Bergtempel:

Sonnenuntergang im Sanzen-in
Sonnenuntergang im Sanzen-in

Ein Tag in Ise

Ise-jinja

Der Ise-jinja ist der wichtigste Schrein Japans. Als Heiligtum der Kaiserfamilie kommt ihm eine besondere Bedeutung zu. Durch die gewaltige Anlage führte uns, einmal mehr, Prof. Knecht.

Alle Gebäude werden abgebaut und einige Meter weiter neu errichtet.
Alle Gebäude werden abgebaut und einige Meter weiter neu errichtet.
Das Heiligtum wird während der "leeren Phase" durch eine kleine Hütte geschützt
Das Heiligtum wird während der “leeren Phase” durch eine kleine Hütte geschützt

Unterteilt ist der Schrein in den “Inneren Schrein” und den “Äußeren Schrein”, einzigartig an diesen Schreinen ist vor allem, dass sie alle 20 Jahre “umziehen”.

Der Eingang des Inneren Schreins
Der Eingang des Inneren Schreins

Umziehen ist hierbei wörtlich zu nehmen: Der gesamte Schrein wird demontiert. Das Holz wird an Schreine in ganz Japan verschickt und ein neuer Schrein, der den Vorgängern zu 100% gleich ist, an einem Platz neben dem vorherigen Standort neu errichtet. Ein Museum widmet sich dem letzten Umzug, der laut Herrn Knecht 2013 stattgefunden hat.

Der Äußere Schrein und der Innere Schrein sind hierbei gleichberechtigt: Beide Schreine ziehen um.

Der Fluss wird zur Reinigung genutzt
Der Fluss wird zur Reinigung genutzt

Durch den Inneren Schrein zieht sich ein Fluss. Der Legende nach hat die Göttin Amaterasu hier durch den Kami des Flusses einen geeigneten Platz für sich entdeckt und ihm daher gestattet, zu bleiben. Der Fluss wird heute von vielen Besuchern des Schreins als Ort zur rituellen Reinigung genutzt.

Vom Fluss aus ging es für uns zur “Wilden Göttin”, einer alternierenden Darstellung Amaterasus. Viele Götter haben verschiedene Formen, in denen sie sich den Menschen zeigen. Auch diese Unterschreine sind in Ise von den Umzügen betroffen.

Besonders eindrucksvoll habe ich hier den Aufbau des Schreins für die wilde Form Amaterasus.

Tod und Leben
Tod und Leben

Der Aufbau des Schreins und der, des anderen Standortes ist sinnbildlich für Leben und Tod. Der permanente Wechsel des Schreinstandortes, sowie der Materialien des Schreins sind symbolhaft für den Zusammenhang von Leben und Tod. Der Fokus liegt aber, anders als im Buddhismus, auf dem Leben.

Wenn man im Nieselregen vor diesem Gebäude steht, ist das ein unbeschreibliches Gefühl.

Straßenfest

Nach dem Besuch im Ise-jinja haben wir den Ort selbst erkundet. Ich hatte dabei ziemliches Glück: Nachdem ich mich entschieden hatte, alleine durch den Ort zu gehen, hörte ich Musik. Mitten in Ise war an diesem Tag ein großes Straßen- und Musikfest. Es gab traditionelle Musik, Tanz und Theater. Lokale Delikatessen und Handwerkskunst.

Der Krache war es dann, dass ich auf die Bühne geholt wurde und auf einer Taiko trommeln durfte.

Bei der Aufführung danach handelte es sich um ein Tanztheaterstück. Eine ältere Japanerin neben mir sprach mich auf Englisch an. Es stellte sich heraus, dass sie mit einem GI verheiratet war und ziemlich gutes Englisch sprach. Sie hat mir das Theaterstück erklärt, was ziemlich toll war.

夫婦岩 – Meoto-Iwa

DSCI1997
夫婦岩

Nach dem Besuch in Ise ging es mit dem Bus zu den Meoto-Iwa, den “Verheirateten Felsen”. Die sind zwar viel kleiner, als ich erwartet hatte, aber trotzdem beeindruckend.

Das Heiligtum und der Schrein sind dafür gedacht, eine gute und glückliche Ehe zu führen. In der Vorbereitung auf nächstes Jahr natürlich ein besonders schöner Ort.

Das Shimenawa (das Seil, welches beide Felsen verbindet) symbolisiert die Vereinigung und Verbindung von Mann und Frau. Dabei ist sowohl die Ehe, die Hochzeitsnacht, als auch die sexuelle Vereinigung gemeint. Sexualität wird im Shintō übrigens als wichtiger Bestandteil und als Abwehr gegen böse Geister verstanden.

Das Symbol des Schreins ist eine Schildkröte, da der Felsen neben dem Ehemannfelsen an eine Schildkröte erinnert.

Vor dem "Ehemannfelsen"
Vor dem “Ehemannfelsen” | links: Der Felsen mit der Schildkröte

Ein Besuch bei Ōmoto

Ōmoto – ein Begriff, der in Europa vermutlich so gut wie niemandem etwas sagt. Gleiches gilt vermutlich für den Terminus Shinshūkyō, der für japanische Neureligionen verwendet wird.

Unter Shinshūkyō versteht man vor allem religiöse Gruppen, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet haben; der Wikipediaartikel erklärt Shinshūkyō recht gut.

Ōmoto ist eine solche “Neureligion”. 1892 wurde sie von DEGUCHI Nao gegründet. Der Gründungslegende nach habe sich der Analphabetin Nao ein Geist offenbart, sich ihrer bemächtigt und durch sie das so genannte Ofudsaki (“Spitze des Pinsels”) geschrieben. Diese fast 200.000 Seiten umfassende Schrift gilt als “heilige Schrift” Ōmotos.

Die Anhänger Ōmotos glauben an den “true god”, der sich selbst als Ushitora no Konjin bezeichnet habe. Gleichzeitig vertritt Ōmoto aber auch die Ansicht, dass Götter von “good religions” im Prinzip nur andere Facetten von Ushitora no Konjin seien.

Ōmoto setzt sich sehr intensiv für den interreligiösen Dialog und Friedensarbeit ein.

Soviel vorweg.

Am vergangenen Wochenende waren wir bei der Gruppe zu Gast. Am Sonntag konnten wir als Ehrengäste an einem der großen vier Feste des Jahres teilnehmen. Außerdem trafen wir – reichlich unvorbereitet – die spirituelle Führerin Ōmotos, DEGUCHI Kurenai.

Zeremonie bei Ōmoto
Zeremonie bei Ōmoto

Die Zeremonie selbst ist ein Herbstfest, das man wohl am ehesten mit Erntedank vergleichen könnte. Bei der Shintozeremonie werden Texte rezitiert, Priester halten Riten ab etc. Freundlicherweise hatten wir eine gute Betreuung vor Ort und haben alles auf Englisch bekommen.

Interview
Interview

Nach der Zeremonie wurden wir auf dem Gelände herumgeführt, konnten uns verschiedene Sachen anschauen und man bat mich, ein Interview zu geben. Der Tonus war ab hier reichlich merkwürdig und befremdlich. Insofern habe ich in dem Interview so vage wie möglich geantwortet.

Zu Gast war außer uns auch noch eine Gruppe aus der Mongolei. Gemeinsam mit der Gruppe und einigen Mitarbeitern von Ōmoto war am Abend dann Partytime angesagt. Und ab da wurde es aus meiner Sicht wirklich strange.

Die Japaner haben sich massiv betrunken und es war an viele Stellen sehr unangenehm. Zwar war die Party an sich ganz nett, da wir mit den Mongolen wirklich nett ins Gespräch gekommen sind, aber eben auch extrem merkwürdig. Den ganzen Abend über habe ich mich sehr unangenehm gefühlt. Irgendwann wurden dann Lieder aus der Mongolei, Japan und Deutschland gesungen, was zu Beginn nett war.

Zum Ende der Party wurde jeder aufgefordert zu sagen, was er_sie an Ōmoto gut findet. Vorher war kein Rauskommen möglich.

Der zweite Tag  war für uns mit Seminaren zu Ōmotos Weltsicht geprägt. Allerdings auf eine Art und Weise, die mir nicht schmeckte.

Das erste Seminar befasste sich mit dem Lehren Ōmotos. Das ist im Wesentlichen ganz interessant, problematisch finde ich es nur, wenn der Dozent, sobald kritische Fragen kommen, geht.

Ein Beispiel, was ich besonders absurd finde, möchte ich hier vorstellen. Der Referent, Rev. Takeda gab folgendes Beispiel:

Einem Paar wird ein Kind geboren. Die Familie misshandelt das Kind stetig und schließlich verstirbt das Kind als direkte Folge der Misshandlungen. Nach dem Glauben von Ōmoto, so erklärte Rev. Takeda, habe das Kind seine Geburt in diese Familie und damit die Misshandlungen vor seiner Geburt selbst gewählt, um den Eltern zu zeigen, dass Misshandlung schlecht sei. Wörtlich:

“Hell is made by the child itself.”

Im Vortrag kamen auch andere Sätze vor, bei denen sich mir die Fußnägel aufrollten:

“You have to become a warm and light person so everybody likes you.”

“The world is a big themepark or Disneyland.”

“This world is kind of paradise.”

Gemeinsam mit der Gruppe aus der Mongolei und Mitarbeitern von Omoto
Gemeinsam mit der Gruppe aus der Mongolei und Mitarbeitern von Omoto

Die Texte, für den Vortrag benutzt wurden, sind nur in sehr kurzen Auszügen vorgekommen; kritische Stellen in Teilen der wichtigsten Texte Ōmotos, wie: “[…] There is only one sun in the world. With seven or eight kings, the world will always be in turmoil. Therefore, I [Ushitora – Anm. von mir] have set in motion my plan to rule the world with one divine king. […]” (Sources of Japanese Traditions, Volume two 1600-2000, compiled by Wm. Theodore de Bar et. al) wurden schlicht übergangen und nicht angesprochen.

Der zweite Vortrag widmete sich der Friedensarbeit von Ōmoto zwischen Israel und Palästina. Man hat dafür eigens eine NGO gegründet, die aber direkt Ōmoto untersteht. Unsere Fragen dahingehend wurden nicht wirklich beantwortet.

Auch diverse, unkommentierte und reichlich pathetische, Imagefilme, die man uns völlig unkommentiert zeigte, verstärkten meinen Eindruck, dass hier nicht wirklich auf Dialog gesetzt wurde. Alles in allem hat Ōmoto wenig Mühe gescheut, sich um uns zu kümmern. Ein Bus, freie Kost und Logis, permanente Betreuung durch Medienprofis, einen Fotografen und stellenweise ein Kamerateam sind mir dafür ausreichender Beleg.

Es gibt Gründe für Ōmotos Mühen. Trotz der unangenehmen Situationen, in die wir bisweilen gekommen sind, bin ich sehr froh, dort gewesen zu sein. Nur so kann man sich ein Urteil bilden und fundiert sprechen. Auch innerhalb unserer Gruppe hat der Besuch bei Ōmoto zu reichliche Diskussion geführt, was interessant und anregend war.

Im Nachhinein finde ich es noch recht bezeichnend, dass das Foto, auf dem wir mit der Spirituellen Führerin abgebildet sind, von Ōmoto nicht freigegeben und uns daher auch nicht geschickt wurde. Man hat eben doch gern alles unter Kontrolle.

 

Viele Kleinigkeiten

Dieser Artikel ist gewissermaßen ein kleiner “Übersichtsartikel”, über diverse Erlebnisse der vergangenen Tage.

Artikel in der AZ Uelzen

In der Allgemeinen Zeitung Uelzen ist Anfang Oktober ein Artikel erschienen, der über meine Zeit in Japan berichtet. Ich habe per eMail ein Interview gegeben.

Allgemeine Zeitung Uelzen, 2. Oktober 2014
Allgemeine Zeitung Uelzen, 2. Oktober 2014 – klicken zum Vergrößern

Kiyomizu-dera

Professor Peter Knecht
Professor Peter Knecht

Professor Knecht ist der Dozent für Folk Religion. Seit mehr als 40 Jahren betreibt er Feldforschung in einem Dorf in Japan – er kann also sehr authentisch berichten. Fieldtrips mit Prof. Knecht sind etwas sehr besonderes, da er sehr lebendig erzählt und sich für nichts zu schade ist.

Der Kiyomizu-dera steht auf gigantischen Stelzen
Der Kiyomizu-dera steht auf gigantischen Stelzen

Der Trip zum Kiyomizu-dera  (Tempel des reinen Wassers) war vor allem interessant, da der Tempel auf riesigen Holzstelzen direkt am Hand eines Tales steht.

In diesem Tal hat man früher die Toten abgelegt und sie dem Lauf der Natur überlassen. Laut Professor Knecht wird es daher auch “Tal der Toten” genannt.

Am Kiyomizu-dera gibt es auch ein Heiligtum, das einem weiblichen Buddha gewidmet ist. Es handelt sich dabei um einen völlig finsteren, unterirdischen Gang, durch den man sich mit Hilfe eines Seiles an der Wand bewegt. Am Ende des Ganges befindet sich ein Buchstabe in Sanskrit. Man berührt ihn für Kinderwünsche und einfache Geburten. Passenderweise wird dieses Heiligtum “Womb” genannt.

Jishu Jinja

Famous Love Stone
Famous Love Stone

Der Jishuschrein auf dem Gelände des Kiyomizu-dera hat in Japan eine gewisse Popularität. Seit etwa 1300 Jahren gehen hier junge Menschen hin, um für einen Partner oder eine Partnerin zu bitten.

Im Schrein befinden sich zwei heilige Love Stones in etwa 18m Abstand. Wem es gelingt, mit geschlossenen Augen vom einen zum anderen zu gehen, wird schon bald Glück in der Liebe haben.

七五三-Fest

Bunter Schmuck für das 七五三-Fest
Bunter Schmuck für das 七五三-Fest

Shichi-Go-San (七五三) sind die Kanji für “sieben-fünf-drei”. Am 15. November wird dieses Fest in Japan überall gefeiert: drei und fünf Jahre alte Jungen und drei und sieben Jahre alte Mädchen werden Kimonos zum Schrein gebracht. Es gilt als Fest, bei dem das Heranwachsen der Kinder gefeiert und für selbiges gedankt wird.

Eltern bringen ihre Tochter zum Schrein
Eltern bringen ihre Tochter zum Schrein

Viele Eltern bringen Ende Oktober auch die Kinder zum Schrein, die nicht im entsprechenden Alter sind. Man kann Shichi-Go-San ganz gut als rites de passage bezeichnen. So wird es in Japan wohl auch verstanden. Laut einem unserer Dozenten gilt das Fest in etwa so viel wie die Taufe oder die Erstkommunion.

Meeting a Geisha …

Eine Geisha zu treffen ist nicht so einfach. Zwar gibt es in Gion einige, aber die Unterhalterinnen sind sehr, sehr fotoscheu. Ein Glück, dass wir nett sind und großes Glück hatten. So entstand dieses Foto:

Geisha, Max, Geisha
Geisha, Max, Geisha

Auf’m Amt

Auf'm Amt
Auf’m Amt

Die japanischen Ämter haben den Ruf so voller Bürokratie zu sein, dass sie komplett gelähmt sind. Es versprach also ein interessantes Unterfangen zu werden, die Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen.

Wunderbarerweise sprach der Sachbearbeiter im Immigration Office ausgezeichnetes Englisch. 4000 Yen (die man in Form einer Briefmarke zu bezahlen hat – japanische Beamte dürfen kein Geld annehmen) und 20 Minuten später erlaubte man mir per Aufkleber einen Aufenthalt für insgesamt 180 Tage in Japan.

Applaus, Applaus …

Am 30.10. waren wir an der Ryūkoku-Universität eingeladen. Teramoto-sensei, unser Dozent für Buddhist Text reading, ist hier Professor. Er hatte gemeinsam mit anderen Dozenten eine interreligiöse Sondervorlesung organisiert, die von Studierenden der Ryūkoku gestaltet wurde.

Wir waren gewissermaßen besondere Gäste, wurden mit Applaus empfangen und zu unseren Ehren wurde eine Party gefeiert – sehr, sehr nett also.

Was den Abend sehr besonders machte war, dass Priester in der Ausbildung eigens für uns ein buddhistisches Ritual durchführte, bei dem ein Sutra rezitiert wurde. Aus Respekt davor habe ich hiervon keine Fotos gemacht, wohl aber den Gesang und die Musik als Audiodatei aufgezeichnet (was laut Teramoto-sensei in Ordnung ist).

Bei diesen Ritualen kommt man eigentlich als Nichtbuddhist nicht rein – insofern war es eine große Ehre für uns, teilnehmen zu dürfen. Eine Besonderheit im Jōdo-Shinshū ist es, dass die Gemeinde das Sutra mit rezitiert.

Rezitation:

 

Musik:

Jidai Matsuri und Kurama no Hi-Matsuri

Jidai Matsuri

Das Jidai-Matsuri (lose übersetzt “Zeitalterfestival”) ist ein jährlich wiederkehrendes Fest in Kyōto. Etwa 2500 Teilnehmer sind in einem langen Umzug vom Gosho (dem Kaiserpalast) zum Heianjinja unterwegs und stellen dabei verschiedene Zeitalter dar.

Ursprünglich wurde das Festival ins Leben gerufen, um die Stimmung in Kyōto zu verbessern. Es erinnert vor allem an die Verlegung des Kaisersitzes von Heian (so der ehemalige Name Kyōtos) nach Edo (heute Tōkyō).

Sitzplätze entlang der Route kosten etwa 2200 Yen, man kann aber wunderbar im Stehen zusehen oder – viel besser – im Gosho unterwegs sein und die Leute fotografieren, während sie sich vorbereiten.

Der Umzug hat insgesamt eine eher getragene Stimmung, zwar werden alle Gruppen angekündigt und beschrieben (ausschließlich auf Japanisch), aber ansonsten ist es still. Einzig die Kriegsflöten und einige andere Musikinstrumente sorgen für Musik, die – das empfand ich jedenfalls so – aber ebenfalls zu einer eher bedeckten Stimmung beiträgt.

Kurama no Hi-Matsuri

Das Feuerfestival in Kurama ist eines der bekanntesten Events der Region. Es findet ebenfalls am 22. Oktober statt, was – gewollt – dazu führt, dass viele Menschen beide Feste besuchen.

Gerade Kurama wurde uns sehr empfohlen – leider ist es touristisch dermaßen etabliert, dass man kaum eine Chance hat, dort etwas mitzubekommen.

Ich war etwas enttäuscht: Man wird von der Polizei durch die Stadt geleitet und ist permanent in Bewegung. Stehenbleiben ist nicht erlaubt und somit wird man eigentlich für frühes Kommen eher bestraft. Es hätte sich angeboten, in einem der Restaurants am Weg einen Tisch zu reservieren, denn diese Lokale haben in der Regel Terassen oder abgesperrte Bereiche für ihre Gäste. Das ist auch meine Empfehlung an jeden, der plant, das Kurama no Hi-Matsuri zu besuchen. Ansonsten ist es leider sehr unbefriedigend.

In einem youtube Video kann man sich einen ganz guten Eindruck verschaffen.

Zwischen Gärten, Rotlicht, Wrestling und der Mafia

Ōsaka – dahin führte mich mein Weg heute.

Osaka Station
Osaka Station

Ausschlaggebend war dafür vor allem der Hinweis meines Schwagers in Spe, Hannes. Der wies mich nämlich darauf hin, dass Colt Cabana im Rahmen der Global League Tour von Pro Wrestling NOAH in Japan unterwegs ist. Nach kurzer Recherche ergab sich: Die Tour hält in Osaka. Und das ist nur ca. 35 Minuten mit dem Zug entfernt.

Der Besuch in Ōsaka hatte es in sich – soviel sei schon mal vorweg verraten.

Floating Garden

Selfie in 173m Höhe? Done.
Selfie in 173m Höhe? Done.

In 173m Höhe kann man den “Floating Garden” besuchen. Auf dem Umeda Sky Building, einem der Wahrzeichen Ōsakas, befindet sich eine architektonisch interessante Aussichtsplattform.

Für 700 Yen kann man mit einem gläsernen Aufzug hinauf fahren und die Skyline Ōsakas betrachten und in die Ferne schauen.

Umeda Sky Building
Umeda Sky Building

Am Fuß des Umeda Sky Buildings findet sich ein echter Garten, den ich sehr schön finde. Die “Reverse Falls” sind eine witzige Idee, die in der Realität sehr viel cooler aussehen, als auf dem Bild.

Am Fuß des Gebäudes findet übrigens jährlich der “Deutsche Weihnachtsmarkt Ōsaka” (inklusive Glühweintassen mit Beschriftung) statt.

Die Rolletreppe nach oben – vom 35. in den 39. Stock – ist übrigens auch ziemlich abgefahren.

“Luca Brasi liegt bei den Fischen …”

Dieses – nicht ganz richtige – Zitat aus “Der Pate” führt mich zu einem der, mit Sicherheit, abgefahrensten und merkwürdigsten Erlebnisse meines Lebens. Vorab sei erwähnt: Ich wurde gebeten, weder Namen noch Plätze genauer zu nennen – Fotos gibt es auch nicht.

An der U-Bahnstation, von er aus ich nach Namba, dem alten Technikviertel Ōsakas, fahren wollte, war ich etwas ratlos, da ich die Station, zu der ich wollte auf dem Plakat nicht finden konnte. Ein anderer gaijin (Mitte 40, Anzug – im Folgenden einfach X) sprach mich auf Englisch an, ob er helfen könne. Er konnte und, da er in die gleiche Bahn und Richtung wollte, bot er sogar an, mich zum Gleis zu bringen.

In der Bahn unterhielten wir uns, ich berichtete, was ich in Ōsaka und Japan mache und, wohin ich wollte. Daraufhin verzog er das Gesicht und fragte mich, ob ich nicht mal nach Kamagasaki wolle. Nun muss man wissen, dass Kamagasaki der größte Slum Japans ist und man uns dringend davon abgeraten hat, dorthin zu gehen.

Neugierig war ich natürlich und da ich der Sohn eines rasenden Reporters bin und berufsbedingt der Ansicht bin, dass man a) manchmal Risiken eingehen muss und b) auf Menschen zugehen sollte, sagte ich – recht nervös – ja. Wir fuhren also mit der U-Bahn weiter und X führte mich durch den Slum. Auf meine Frage, warum er sich hier auskenne antwortete er nur “I own this place”.

Zu dem Zeitpunkt hielt ich das für einen Spruch.

Der Gang durch den Slum führte mir Japan von einer ganz anderen Seite vor Augen: Obdachlose auf den Straßen, Graffiti (X: “This is a area”), finstere Blicke – der ein oder andere Yakuza. Und alle grüßten X.

Das gab mir dann doch zu denken. Als ich ihn fragte, was genau er in Ōsaka eigentlich tue, antwortete er sehr, sehr deutlich – und legal ist das mit Sicherheit nicht.

Dann ging es in den Rotlichtbezirk. In Japan ist Prostitution illegal. Die Erklärung dazu? “The sell beer. Very, very expensive beer.” Kommt man an einer Prostituierten vorbei, spreizen viele die Beine und ziehen mit den Fingern das Höschen zur Seite. Laut X würde das bei “normalen” gaijin nicht passieren: “But you are here with me.”

Zugegeben: Zu dem Zeitpunkt war mir sehr, sehr mulmig – es war klar, dass ich es hier mit jemandem zu tun hatte, der mindestens Beziehungen zu der “edlen Gesellschaft” unterhält. Nachdem X auf dem Handy angerufen wurde und ich nur einige Bruchstücke wie “doitsu-jin” (=”Deutscher”) verstand, fragte er “Are you hungry? You are invited to dinner”

Ich war längst darüber hinaus zu fragen oder gar abzulehnen. Und so ging ich mit. Von X wurde ich in einen kleinen Okonomiaki-Laden geführt. Hier wurden wir von drei fast vollständig tätowierten, jungen Männern empfangen. Gemeinsam aßen wir Mittag und zahlten nichts.

Hier musste ich X auch versprechen, keine Namen zu nennen und keine Orte zu beschreiben, wenn ich von dem Tag berichte.

Nach dem Essen führte X mich zum Ausgang des Slums und fragte beiläufig, ob mir etwas aufgefallen sei. War es tatsächlich: Die Graffiti waren weg. Seine Erklärung dazu: “Because this is an even tougher area – and I don’t like graffiti.”

X erklärte mir den Weg zurück nach Namba und verabschiedete sich. Ich bin ganz ehrlich: Das Erlebnis sitzt mir irgendwie in den Knochen – und zwar auf positive und negative Weise.

Wer mehr zu dem Slum wissen will, liest den Wikipediaartikel und das hier: https://libcom.org/library/1990-worker-insurgency-osaka

Zwischen schwulen Sexkinos und getragenen Höschen

Sex, das hatte ich bereits erwähnt, gehört in Japan zur Gesellschaft dazu. Aber auf sehr … merkwürdige Weise (jedenfalls aus meiner Sicht).

Sexkino in Namba
Sexkino in Namba

Namba war vor ca. 50 Jahren der Technikbereich der Stadt, dann wurde es der Pornobereich und mit dem Aufkommen des Internet wurde es der Mangabereich. Das sorgt dafür, dass man jetzt eine bemerkenswerte Mischung aus hetero und gay Clubs, Kinos und Shops, Technikläden und Mangaketten hat.

Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel ...
Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel …

Ich musste zu Fuß hier entlang – X hatte mir extra diesen Weg gewiesen, weil er ihn für interessant hielt. Ein Glück, kann ich nur sagen. Es gab viel zu sehen und vor allem einen Einblick (und ich glaube, dass das nur die Spitze des Eisberges war) in das, was es in Japan eben auch gibt.

In einem siebenstöckigen(!) Sexshop gibt es ein komplettes Geschoss mit nichts außer Fäkalienpornos und Zubehör für diese Spielart.

Ich finde das krank: Kindersexpuppen.
Ich finde das krank: Kindersexpuppen.

Dieses Geschäft erlaubt es mir nun auch, eine alte Legende aufzudecken. Lange haben wir darüber gerätselt: Getragene Höschen aus dem Automaten. Gibt es sie? Gibt es sie nicht? Der letzte Stand war: Alles Blödsinn – Urban Legend.

Mit Fug und Recht sage ich: Es gibt sie.

Höschen aus dem Automaten
Höschen aus dem Automaten

Für 500 Yen kann man ein Plastikbällchen mit einem (so jedenfalls behauptet es das Etikett) getragenem Höschen kaufen. Und ja, ich habe eines gekauft – die einhellige Meinung der Betto-Cho Crew ist: Könnte echt sein.

Pro Wrestling NOAH

Neben Tokyo gilt Ōsaka als der zweit wichtigste Wrestlingmarkt Japans. Wrestling ist in Japan ein kulturelles Gut und wird von vielen Menschen, vor allem Männern der oberen Einkommensschicht, besucht.

Colt Caban in Action
Colt Caban in Action

Insofern fand ich mich in der Halle zwischen einer ganzen Menge Anzugträgern wieder. Da ich mir natürlich das 8000 Yen Premiumticket gekauft hatte und im normalen Shirt da war, fiel ich doppelt auf.

Wrestlingshows in Japan sind extrem strange: Es ist die ganze Zeit ziemlich ruhig, dann flippen die Japaner kurz aus, dann ist es wieder ruhig. Spannend fand ich vor allem, dass die Ausraster vor allem bei Matchszenen vorkamen, die wenig spektakulär waren.

Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto
Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto

Die Show dauerte, inklusive Pause, gute 2 1/2 Stunden, was ich als normal bezeichnen würde. Die Stimmung war gut, aber nicht mit Deutschland zu vergleichen. In jedem Fall waren alle sehr freundlich zu mir – ich war tatsächlich der einzige gaijin, abgesehen von den Wrestlern.

Nach der Show habe ich mich noch fast 30 Minuten mit Colt Cabana und Chris Hero unterhalten. Ich glaube beide waren froh, dass jemand ihre Sprache spricht. Für mich war das ein perfekter Abschluss für einen geilen – und merkwürdigen – Tag. Cool war vor allem, dass Colt sich an einen Tweet erinnert hat, den ich vor zwei Tagen getwittert habe – darüber habe ich mich sehr gefreut.

Colt Cabana, ich, Chris Hero
Colt Cabana, ich, Chris Hero

Prozession am Hachijinja

Nach dem gestrigen Tag wollte ich heute ein wenig entspannen. Der Anruf von Birte mit mit der Frage “Beim Hachijinja ist heute eine große Prozession, wollen wir hin?”, veranlasste mich dann doch dazu, mich aus dem Haus zu bewegen. Trotz leicht blauem Fuß ging es also zum Hachi-Schrein.

Wir konnten bei der Eröffnungszeremonie teilnehmen und auch die Prozession beobachten.

Dabei wird eine Art Sänfte, in der sich der Kami (=Gott) befindet durch die Straßen um den Schrein getragen. Da die Kami Wesen sind, die recht hohe Ansprüche haben, ist es nötig, sie mit derartigen Prozessionen zu erfreuen.

Die Minischreine, die von den Gläubigen getragen werden, wiegen mehrere hundert Kilogramm. Sie werden in einer Art “Springlauf” durch die Straßen getragen – den Gesichtern nach wahnsinnig anstrengend.

Unten findet ihr eine ganze Menge Bilder dieser Prozession und auch ein Video. Viel Spaß!

Ein stakender Bootsführer

Affentheater und andere Erlebnisse

Horror im Zoo

Kyōto Municipal Zoo
Kyōto Municipal Zoo

Als großer Fand von Tierparks und Zoos musste ich natürlich auch in Japan einen Zoo besuchen. Ich schätze an Tierparks und Zoos vor allem, dass sie sich oft für Tierschutz etc. engagieren. Klar: Darüber kann man streiten, ich nehme das aber meistens so wahr.

Bereits vor dem Zoobesuch hier in Kyōto, wurde ich darauf hingewiesen, dass man keine deutschen Standards erwarten könne. Insofern bin ich mit etwas gemischten Gefühlen in den Kyōto Municipal Zoo gefahren.

Der Elefant im "Auslauf"
Der Elefant im “Auslauf”

Diese sehr gemischten Gefühle haben sich größtenteils zu echtem Entsetzen und Ekel entwickelt. Doch zunächst eine kurze Beschreibung: Der Zoo an sich ist nicht besonders groß – das war bereits bei einem Blick auf die Karte klar. Der Eintritt von 600 Yen ist trotzdem recht günstig. Das gilt für Zoos in Deutschland aber ebenso, vor allem, wenn sie gefördert werden.

Das Grauen begann mit einem Blick auf den Elefanten: Alleine in einem komplett aus Beton bestehenden “Auslauf”, der etwa 40m² misst (Schätzung). Das Tier hat darin zwei alte Reifen als Spielzeug und ist an beiden Vorderfüßen mit Ketten gefesselt. Ich bilde mir das vielleicht ein, aber er wirkte verzweifelt.

Von hier aus führte mich der Weg weiter an Vogelgehegen vorbei, die ich im Großen und Ganzen okay fand – nicht besonders groß, aber sauber und für mein Empfinden naturnah eingerichtet (leider sind die Fotos alle so unscharf, dass man nichts erkennt – die Gitter sind schuld).

Das Amphibienhaus entspricht in etwa dem, was man auch in Europa finden würde – Schildkröten, Alligatoren, Fische, Schlangen. Ich kenne mich mit deren Haltung nicht aus, aber das war mit Deutschland vergleichbar.

Affenloch
Affenloch

Das neuerliche Entsetzen ließ aber nicht lange auf sich warten: Vor dem, vor kurzem renovierten, Affenhaus, befindet sich ein “Gehege” für Schimpansen. Gehege ist kaum der richtige Begriff – viel mehr müsste man von “Loch” sprechen – denn mehr ist es nicht. Ein Loch im Boden, betoniert, mit einem “Kletterbaum” aus Stahl. Keine Bäume, keine Sträuchern und außer alten Reifen und Ketten keinerlei Spielzeug.

Gorillapapa
Gorillapapa

Mein Weg führte mich weiter ins Gorillahaus. Da die Gorillas vor etwa einem halben Jahr Nachwuchs bekommen haben, hat man sich hier mächtig ins Zeug gelegt und, jedenfalls für mein Empfinden, ein wirklich gutes Gehege gebaut. Der kleine Gorilla kletterte ziemlich viel umher, es gibt viele Pflanzen; die Tiere wirkten jedenfalls nicht schlecht behandelt.

Auch die Gehege für “Kleinaffen” um die Ecke war in gutem Zustand – es gehört allerdings zum Neubau dazu.

Von hier ging es auf eine Plattform, die mich auf “Giraffenkopfhöhe” brachte. Auch hier: Stellenweise mit Sand bedeckter Betonboden ohne wirklichen Auslauf. Ein einsames Zebra stand reichlich verängstigt in einer Ecke.

Zumindest dieser possierliche Kumpel hatte es ganz gut
Zumindest Tsukushi hatte es ganz gut

In unmittelbarer Nähe der Giraffen leben europäische Kleintiere: Ein Fuchs, ein Dachs und andere Tiere. Hier hat mir wirklich das Herz geblutet. Die “Gehege” liegen direkt neben einer Art Minifreizeitpark, mit permanentem Geschrei und Gedudel von irgendwelcher Musik. Der Fuchs saß völlig verängstigt und sichtbar zitternd(!) in der Ecke seines etwa 5m² großen Gefängnisses. Der Dachs hat geschrien. Ununterbrochen.

Einige weitere Kleintiere hatten es vergleichsweise gut und wirkten ziemlich fidel. Nach dem dem, was ich gesehen hatte, dachte ich, es könne nicht schlimmer werden. Doch weit gefehlt – der echte Schock wartete um die Ecke.

Ein Löwe und eine Löwin (Nile und Cris) leben hier zusammengepfercht in einem etwa 25m² großen Betonraum. Umgeben von Gitterstäben lagen beide Tiere einfach nur herum – was sollten sie sonst auch tun. Irgendwann kam eine Schulklasse, die lärmte, was Nile zum Brüllen animierte.

Tigerkäfig
Tigerkäfig

Direkt daneben gibt es drei Tiger. Und drei Tigerkäfige. Ja, genau: Rudeltiere werden getrennt in winzigen Käfigen gehalten. Man kommt auf 15cm(!) dicht heran: Vor den Gitterstäben befindet sich eine Art besserer Hasendraht. Die Tiger waren alle völlig aufgeregt und überaus aggressiv (wer kann es ihnen verdenken), was durch Vollidioten, die gegen die Gitter klopfen nicht besonders besser wurde. Einer der Tiger schlug mehrfach gegen die Gitterstäbe – das animierte die Leute dazu, das Tier noch mehr zu provozieren. Mir ist fast die Kotze hochgekommen.

Leider ist mein Japanisch lange nicht gut genug, um die Leute zu fragen, ob sie noch alle Nadeln an der Tanne haben – daher blieb mir nichts anderes über, als empört und geschockt zu gehen. Und diesen Teil des heutigen Eintrages zu verfassen. Gekoppelt daran der große Appell, japanische Zoos zu boykottieren und nicht zu besuchen.

Thank your for your cooperation!
Thank you for your cooperation!

Vor dem Ausgang hielt mich dann noch eine Gruppe aufgeregter, japanischer Schüler_Innen auf und bat um ein Interview, das sie für ihren Englischunterricht machen sollten. Das war eine sehr nette Begegnung und natürlich habe ich die Fragen beantwortet und ein Foto mit den Kids gemacht. Leider war mein Kameraakku zu dem Zeitpunkt leer. Als Dankeschön bekam ich von der Gruppe ein Geschenk in Form einer Englisch beschrifteten Karte mit einer Empfehlung, was der Lieblingsort der Kinder ist.

Vom Bambuswald zum Gipfel

Bamboo Forst, Sagano
Bamboo Forst, Sagano

Der Ausflug, den wir für Samstag geplant hatten führte uns zum Arashiyama (嵐山 – “Sturmberg”). Der Stadtteil gleichen Namens liegt im äußersten Westen Kyōtos und hat eine ganze Menge zu bieten. Vor allem wollten wir den relativ bekannten “Bamboo Forest” in Sagano besuchen.

Das Weg durch dieses Areal ist wirklich sehr schön und zu empfehlen. Ein echter Bambuswald hat ein sehr eigenes Flair, was mit europäischen Wäldern nicht zu vergleichen ist. Der Bereich ist touristisch natürlich sehr erschlossen, was bedeutete, dass man hier kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Trotzdem hat sich der Spaziergang sehr gelohnt.

Gartenanlage des Tenryū-ji
Gartenanlage des Tenryū-ji

Auf dem Weg liegt auch ein Teil des Tenryū-ji (der Tempel, in dem wir auch den Roshi getroffen haben). Vor allem die Gartenanlage hier ist wunderschön und der Abstecher und der Eintritt haben sich mehr als gelohnt.

Von hier aus führte uns der Weg weiter durch den Bamboo Forest und durch ein sehr schönes Gebiet ans Ufer des (jedenfalls hier noch) Hozugawa. Auf diesem Fluss sind viele Boote unterwegs, die Touristen durch das sehr bekannte und wirklich sehr schöne Tal fahren. Das Besondere ist, dass auf vielen der Boote gegrillt wird, während die über den Fluss fahren und, dass sie gestakt werden.

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Berg- und Talfahrt

Der Mount Hiei, oder Hiezan (比叡山), wie es auf Japanisch heißt ist ein Berg, der die nord-östliche Grenze Kyōtos festlegt. Mit gut 848m Höhe für ein Nordlicht wie mich ein ziemlicher Kawentsmann.

Cool (ich) and the gang (der Rest) ;-)
Cool (ich) and the gang (der Rest) ;-)

788 gründete der Mönch Saichō auf dem Hiezan den Enryaku-ji, bis heute das Zentrum der bedeutenden, buddhistischen, Tendaischule. Der enorm große Tempel teil sich in mehrere Untertempel und Schreine, von denen heute viele zum Weltkulturerbe gehören.

Besonderer Clou dieses Fieldtrips war, dass sich uns zwei japanische Studentinnen anschlossen, die bei Prof. Doi (dem Direktor des NCC) studieren.

Die Glocke im Enryaku-ji
Die Glocke im Enryaku-ji

Im Enryaku-ji gibt es eine ganze Menge Tafeln, die das Entstehen der Tendaischule erklären (leider nur auf Japanisch) und, die Mönchen gewidmet sind, die für Tendai in irgendeiner Form wichtig sind.

An einer großen Glocke kann man für ein kleines Opfer Wünsche und Gebete loswerden. Ohnehin spielt “Krach” oft eine große Rolle: Um die Aufmerksamkeit eines Gottes auf sich und den Wunsch zu ziehen, ist es nötig, eine Glocke oder einen Gong zu schlagen.

Nicht verlassen - nur lange nicht benutzt
Nicht verlassen – nur lange nicht benutzt: Der Priester Eshin hat hier studiert

Interessant ist die Anlage auch, weil es diverse Tempelgebäude gibt, die verlassen scheinen. Herr Repp erklärte, dass diese Bereiche nur zu sehr besonderen Anlässen benutzt werden, so gibt es einen Ritus, bei dem 1000 Tage am Stück meditiert wird. Während dieser Zeit müssen bestimmte Bereiche zur Meditation benutzt werden.

Yokawa Chudos 1000 Buddhas
Yokawa Chudos 1000 Buddhas

Auf dem Hiezan befindet sich auch der Yokawa Chudo. In diesem “Untertempel” wird das Bild des Boddhisatva Kannon verehrt. Im Tempelgebäude gibt es tausende Buddhafiguren – jeweils etwa 15cm hoch und vergoldet. Sie sind rund herum um das eigentliche Heiligtum aufgestellt. Neben jeder Figur ist ein Schild angebracht, das den Spender nennt. Auch diese Form von Verdiensten ist nötig, um das eigene Karma zu verbessern.

Syakodo
Syakodo

Der Hieizan ist ein heiliger Berg – die Tempelanlage gewaltig. Wir haben sehr, sehr viele Tempel besucht: Alle mit kleinen Eigenheiten. Auf jeden einzugehen wäre zu viel. Irgendwie bewegend fand ich einen kleinen Tempel in der Nähe zum Grab von Ganzan Jie Daishi: Syakodo.

Der Garten des Tempels ist als karesansui angelegt – als “trockener Garten”. Sobald man durch das Tor geht, welches zum Garten führt ist man in einer anderen, ruhigeren Welt. Ich kann das nicht beschreiben, aber das Gefühl war unglaublich.

Jizōfiguren mit alten Tüchern
Jizōfiguren mit alten Tüchern

In unmittelbarer Nähe zum Grab fanden wir auch zwei Jizōfiguren mit alten, verwitterten Tüchern. Der Kult um den Mönch und Schüler Buddhas, Jizō, besteht vor allem darin, dass Jizō die Seelen in die Unterwelt begleitet. Jizō gilt vor allem auch als Beschützer toter (und besonders abgetriebener) Kinder. Daher findet man seine Figuren sehr, sehr oft in Japan. Frisch umgebundene Tücher sind ein Zeichen für den Tod eines Kindes in jüngster Vergangenheit.

Zwei verwitterte Tücher zu sehen war daher ein bedrückendes Gefühl.

Mit dem Bus, der auf dem Hieizan fährt, ging es dann – natürlich – zum Gipfel. Der Ausblick über die umgebenden Berge und Städte war der Wahnsinn.

Aussicht vom Hiezan
Aussicht vom Hiezan

Die Talfahrt gab es dann einige Tage später.

Über einen Professor waren wir ins Bazar Café eingeladen. Dieser Ort richtet sich vor allem an Menschen, die Probleme jedweder Art haben. Hier waren wir zu einer kleinen Feier mit einigen Amerikanern und den Menschen, die im Café arbeiten eingeladen.

Bazar Café
Bazar Café

Zwischen Berichten zu Drogen, Gewalt zu Hause, Abtreibung, Einsamkeit usw. gab es trotzdem viel zu lachen und sehr, sehr nette Gespräche. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, mein Praktikum hier zu absolvieren, daher widme ich mich dem Bazar Café in einem eigenen Post nochmal intensiver.