Zwischen Gärten, Rotlicht, Wrestling und der Mafia

Ōsaka – dahin führte mich mein Weg heute.

Osaka Station
Osaka Station

Ausschlaggebend war dafür vor allem der Hinweis meines Schwagers in Spe, Hannes. Der wies mich nämlich darauf hin, dass Colt Cabana im Rahmen der Global League Tour von Pro Wrestling NOAH in Japan unterwegs ist. Nach kurzer Recherche ergab sich: Die Tour hält in Osaka. Und das ist nur ca. 35 Minuten mit dem Zug entfernt.

Der Besuch in Ōsaka hatte es in sich – soviel sei schon mal vorweg verraten.

Floating Garden

Selfie in 173m Höhe? Done.
Selfie in 173m Höhe? Done.

In 173m Höhe kann man den “Floating Garden” besuchen. Auf dem Umeda Sky Building, einem der Wahrzeichen Ōsakas, befindet sich eine architektonisch interessante Aussichtsplattform.

Für 700 Yen kann man mit einem gläsernen Aufzug hinauf fahren und die Skyline Ōsakas betrachten und in die Ferne schauen.

Umeda Sky Building
Umeda Sky Building

Am Fuß des Umeda Sky Buildings findet sich ein echter Garten, den ich sehr schön finde. Die “Reverse Falls” sind eine witzige Idee, die in der Realität sehr viel cooler aussehen, als auf dem Bild.

Am Fuß des Gebäudes findet übrigens jährlich der “Deutsche Weihnachtsmarkt Ōsaka” (inklusive Glühweintassen mit Beschriftung) statt.

Die Rolletreppe nach oben – vom 35. in den 39. Stock – ist übrigens auch ziemlich abgefahren.

“Luca Brasi liegt bei den Fischen …”

Dieses – nicht ganz richtige – Zitat aus “Der Pate” führt mich zu einem der, mit Sicherheit, abgefahrensten und merkwürdigsten Erlebnisse meines Lebens. Vorab sei erwähnt: Ich wurde gebeten, weder Namen noch Plätze genauer zu nennen – Fotos gibt es auch nicht.

An der U-Bahnstation, von er aus ich nach Namba, dem alten Technikviertel Ōsakas, fahren wollte, war ich etwas ratlos, da ich die Station, zu der ich wollte auf dem Plakat nicht finden konnte. Ein anderer gaijin (Mitte 40, Anzug – im Folgenden einfach X) sprach mich auf Englisch an, ob er helfen könne. Er konnte und, da er in die gleiche Bahn und Richtung wollte, bot er sogar an, mich zum Gleis zu bringen.

In der Bahn unterhielten wir uns, ich berichtete, was ich in Ōsaka und Japan mache und, wohin ich wollte. Daraufhin verzog er das Gesicht und fragte mich, ob ich nicht mal nach Kamagasaki wolle. Nun muss man wissen, dass Kamagasaki der größte Slum Japans ist und man uns dringend davon abgeraten hat, dorthin zu gehen.

Neugierig war ich natürlich und da ich der Sohn eines rasenden Reporters bin und berufsbedingt der Ansicht bin, dass man a) manchmal Risiken eingehen muss und b) auf Menschen zugehen sollte, sagte ich – recht nervös – ja. Wir fuhren also mit der U-Bahn weiter und X führte mich durch den Slum. Auf meine Frage, warum er sich hier auskenne antwortete er nur “I own this place”.

Zu dem Zeitpunkt hielt ich das für einen Spruch.

Der Gang durch den Slum führte mir Japan von einer ganz anderen Seite vor Augen: Obdachlose auf den Straßen, Graffiti (X: “This is a area”), finstere Blicke – der ein oder andere Yakuza. Und alle grüßten X.

Das gab mir dann doch zu denken. Als ich ihn fragte, was genau er in Ōsaka eigentlich tue, antwortete er sehr, sehr deutlich – und legal ist das mit Sicherheit nicht.

Dann ging es in den Rotlichtbezirk. In Japan ist Prostitution illegal. Die Erklärung dazu? “The sell beer. Very, very expensive beer.” Kommt man an einer Prostituierten vorbei, spreizen viele die Beine und ziehen mit den Fingern das Höschen zur Seite. Laut X würde das bei “normalen” gaijin nicht passieren: “But you are here with me.”

Zugegeben: Zu dem Zeitpunkt war mir sehr, sehr mulmig – es war klar, dass ich es hier mit jemandem zu tun hatte, der mindestens Beziehungen zu der “edlen Gesellschaft” unterhält. Nachdem X auf dem Handy angerufen wurde und ich nur einige Bruchstücke wie “doitsu-jin” (=”Deutscher”) verstand, fragte er “Are you hungry? You are invited to dinner”

Ich war längst darüber hinaus zu fragen oder gar abzulehnen. Und so ging ich mit. Von X wurde ich in einen kleinen Okonomiaki-Laden geführt. Hier wurden wir von drei fast vollständig tätowierten, jungen Männern empfangen. Gemeinsam aßen wir Mittag und zahlten nichts.

Hier musste ich X auch versprechen, keine Namen zu nennen und keine Orte zu beschreiben, wenn ich von dem Tag berichte.

Nach dem Essen führte X mich zum Ausgang des Slums und fragte beiläufig, ob mir etwas aufgefallen sei. War es tatsächlich: Die Graffiti waren weg. Seine Erklärung dazu: “Because this is an even tougher area – and I don’t like graffiti.”

X erklärte mir den Weg zurück nach Namba und verabschiedete sich. Ich bin ganz ehrlich: Das Erlebnis sitzt mir irgendwie in den Knochen – und zwar auf positive und negative Weise.

Wer mehr zu dem Slum wissen will, liest den Wikipediaartikel und das hier: https://libcom.org/library/1990-worker-insurgency-osaka

Zwischen schwulen Sexkinos und getragenen Höschen

Sex, das hatte ich bereits erwähnt, gehört in Japan zur Gesellschaft dazu. Aber auf sehr … merkwürdige Weise (jedenfalls aus meiner Sicht).

Sexkino in Namba
Sexkino in Namba

Namba war vor ca. 50 Jahren der Technikbereich der Stadt, dann wurde es der Pornobereich und mit dem Aufkommen des Internet wurde es der Mangabereich. Das sorgt dafür, dass man jetzt eine bemerkenswerte Mischung aus hetero und gay Clubs, Kinos und Shops, Technikläden und Mangaketten hat.

Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel ...
Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel …

Ich musste zu Fuß hier entlang – X hatte mir extra diesen Weg gewiesen, weil er ihn für interessant hielt. Ein Glück, kann ich nur sagen. Es gab viel zu sehen und vor allem einen Einblick (und ich glaube, dass das nur die Spitze des Eisberges war) in das, was es in Japan eben auch gibt.

In einem siebenstöckigen(!) Sexshop gibt es ein komplettes Geschoss mit nichts außer Fäkalienpornos und Zubehör für diese Spielart.

Ich finde das krank: Kindersexpuppen.
Ich finde das krank: Kindersexpuppen.

Dieses Geschäft erlaubt es mir nun auch, eine alte Legende aufzudecken. Lange haben wir darüber gerätselt: Getragene Höschen aus dem Automaten. Gibt es sie? Gibt es sie nicht? Der letzte Stand war: Alles Blödsinn – Urban Legend.

Mit Fug und Recht sage ich: Es gibt sie.

Höschen aus dem Automaten
Höschen aus dem Automaten

Für 500 Yen kann man ein Plastikbällchen mit einem (so jedenfalls behauptet es das Etikett) getragenem Höschen kaufen. Und ja, ich habe eines gekauft – die einhellige Meinung der Betto-Cho Crew ist: Könnte echt sein.

Pro Wrestling NOAH

Neben Tokyo gilt Ōsaka als der zweit wichtigste Wrestlingmarkt Japans. Wrestling ist in Japan ein kulturelles Gut und wird von vielen Menschen, vor allem Männern der oberen Einkommensschicht, besucht.

Colt Caban in Action
Colt Caban in Action

Insofern fand ich mich in der Halle zwischen einer ganzen Menge Anzugträgern wieder. Da ich mir natürlich das 8000 Yen Premiumticket gekauft hatte und im normalen Shirt da war, fiel ich doppelt auf.

Wrestlingshows in Japan sind extrem strange: Es ist die ganze Zeit ziemlich ruhig, dann flippen die Japaner kurz aus, dann ist es wieder ruhig. Spannend fand ich vor allem, dass die Ausraster vor allem bei Matchszenen vorkamen, die wenig spektakulär waren.

Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto
Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto

Die Show dauerte, inklusive Pause, gute 2 1/2 Stunden, was ich als normal bezeichnen würde. Die Stimmung war gut, aber nicht mit Deutschland zu vergleichen. In jedem Fall waren alle sehr freundlich zu mir – ich war tatsächlich der einzige gaijin, abgesehen von den Wrestlern.

Nach der Show habe ich mich noch fast 30 Minuten mit Colt Cabana und Chris Hero unterhalten. Ich glaube beide waren froh, dass jemand ihre Sprache spricht. Für mich war das ein perfekter Abschluss für einen geilen – und merkwürdigen – Tag. Cool war vor allem, dass Colt sich an einen Tweet erinnert hat, den ich vor zwei Tagen getwittert habe – darüber habe ich mich sehr gefreut.

Colt Cabana, ich, Chris Hero
Colt Cabana, ich, Chris Hero

Prozession am Hachijinja

Nach dem gestrigen Tag wollte ich heute ein wenig entspannen. Der Anruf von Birte mit mit der Frage “Beim Hachijinja ist heute eine große Prozession, wollen wir hin?”, veranlasste mich dann doch dazu, mich aus dem Haus zu bewegen. Trotz leicht blauem Fuß ging es also zum Hachi-Schrein.

Wir konnten bei der Eröffnungszeremonie teilnehmen und auch die Prozession beobachten.

Dabei wird eine Art Sänfte, in der sich der Kami (=Gott) befindet durch die Straßen um den Schrein getragen. Da die Kami Wesen sind, die recht hohe Ansprüche haben, ist es nötig, sie mit derartigen Prozessionen zu erfreuen.

Die Minischreine, die von den Gläubigen getragen werden, wiegen mehrere hundert Kilogramm. Sie werden in einer Art “Springlauf” durch die Straßen getragen – den Gesichtern nach wahnsinnig anstrengend.

Unten findet ihr eine ganze Menge Bilder dieser Prozession und auch ein Video. Viel Spaß!

Ein stakender Bootsführer

Affentheater und andere Erlebnisse

Horror im Zoo

Kyōto Municipal Zoo
Kyōto Municipal Zoo

Als großer Fand von Tierparks und Zoos musste ich natürlich auch in Japan einen Zoo besuchen. Ich schätze an Tierparks und Zoos vor allem, dass sie sich oft für Tierschutz etc. engagieren. Klar: Darüber kann man streiten, ich nehme das aber meistens so wahr.

Bereits vor dem Zoobesuch hier in Kyōto, wurde ich darauf hingewiesen, dass man keine deutschen Standards erwarten könne. Insofern bin ich mit etwas gemischten Gefühlen in den Kyōto Municipal Zoo gefahren.

Der Elefant im "Auslauf"
Der Elefant im “Auslauf”

Diese sehr gemischten Gefühle haben sich größtenteils zu echtem Entsetzen und Ekel entwickelt. Doch zunächst eine kurze Beschreibung: Der Zoo an sich ist nicht besonders groß – das war bereits bei einem Blick auf die Karte klar. Der Eintritt von 600 Yen ist trotzdem recht günstig. Das gilt für Zoos in Deutschland aber ebenso, vor allem, wenn sie gefördert werden.

Das Grauen begann mit einem Blick auf den Elefanten: Alleine in einem komplett aus Beton bestehenden “Auslauf”, der etwa 40m² misst (Schätzung). Das Tier hat darin zwei alte Reifen als Spielzeug und ist an beiden Vorderfüßen mit Ketten gefesselt. Ich bilde mir das vielleicht ein, aber er wirkte verzweifelt.

Von hier aus führte mich der Weg weiter an Vogelgehegen vorbei, die ich im Großen und Ganzen okay fand – nicht besonders groß, aber sauber und für mein Empfinden naturnah eingerichtet (leider sind die Fotos alle so unscharf, dass man nichts erkennt – die Gitter sind schuld).

Das Amphibienhaus entspricht in etwa dem, was man auch in Europa finden würde – Schildkröten, Alligatoren, Fische, Schlangen. Ich kenne mich mit deren Haltung nicht aus, aber das war mit Deutschland vergleichbar.

Affenloch
Affenloch

Das neuerliche Entsetzen ließ aber nicht lange auf sich warten: Vor dem, vor kurzem renovierten, Affenhaus, befindet sich ein “Gehege” für Schimpansen. Gehege ist kaum der richtige Begriff – viel mehr müsste man von “Loch” sprechen – denn mehr ist es nicht. Ein Loch im Boden, betoniert, mit einem “Kletterbaum” aus Stahl. Keine Bäume, keine Sträuchern und außer alten Reifen und Ketten keinerlei Spielzeug.

Gorillapapa
Gorillapapa

Mein Weg führte mich weiter ins Gorillahaus. Da die Gorillas vor etwa einem halben Jahr Nachwuchs bekommen haben, hat man sich hier mächtig ins Zeug gelegt und, jedenfalls für mein Empfinden, ein wirklich gutes Gehege gebaut. Der kleine Gorilla kletterte ziemlich viel umher, es gibt viele Pflanzen; die Tiere wirkten jedenfalls nicht schlecht behandelt.

Auch die Gehege für “Kleinaffen” um die Ecke war in gutem Zustand – es gehört allerdings zum Neubau dazu.

Von hier ging es auf eine Plattform, die mich auf “Giraffenkopfhöhe” brachte. Auch hier: Stellenweise mit Sand bedeckter Betonboden ohne wirklichen Auslauf. Ein einsames Zebra stand reichlich verängstigt in einer Ecke.

Zumindest dieser possierliche Kumpel hatte es ganz gut
Zumindest Tsukushi hatte es ganz gut

In unmittelbarer Nähe der Giraffen leben europäische Kleintiere: Ein Fuchs, ein Dachs und andere Tiere. Hier hat mir wirklich das Herz geblutet. Die “Gehege” liegen direkt neben einer Art Minifreizeitpark, mit permanentem Geschrei und Gedudel von irgendwelcher Musik. Der Fuchs saß völlig verängstigt und sichtbar zitternd(!) in der Ecke seines etwa 5m² großen Gefängnisses. Der Dachs hat geschrien. Ununterbrochen.

Einige weitere Kleintiere hatten es vergleichsweise gut und wirkten ziemlich fidel. Nach dem dem, was ich gesehen hatte, dachte ich, es könne nicht schlimmer werden. Doch weit gefehlt – der echte Schock wartete um die Ecke.

Ein Löwe und eine Löwin (Nile und Cris) leben hier zusammengepfercht in einem etwa 25m² großen Betonraum. Umgeben von Gitterstäben lagen beide Tiere einfach nur herum – was sollten sie sonst auch tun. Irgendwann kam eine Schulklasse, die lärmte, was Nile zum Brüllen animierte.

Tigerkäfig
Tigerkäfig

Direkt daneben gibt es drei Tiger. Und drei Tigerkäfige. Ja, genau: Rudeltiere werden getrennt in winzigen Käfigen gehalten. Man kommt auf 15cm(!) dicht heran: Vor den Gitterstäben befindet sich eine Art besserer Hasendraht. Die Tiger waren alle völlig aufgeregt und überaus aggressiv (wer kann es ihnen verdenken), was durch Vollidioten, die gegen die Gitter klopfen nicht besonders besser wurde. Einer der Tiger schlug mehrfach gegen die Gitterstäbe – das animierte die Leute dazu, das Tier noch mehr zu provozieren. Mir ist fast die Kotze hochgekommen.

Leider ist mein Japanisch lange nicht gut genug, um die Leute zu fragen, ob sie noch alle Nadeln an der Tanne haben – daher blieb mir nichts anderes über, als empört und geschockt zu gehen. Und diesen Teil des heutigen Eintrages zu verfassen. Gekoppelt daran der große Appell, japanische Zoos zu boykottieren und nicht zu besuchen.

Thank your for your cooperation!
Thank you for your cooperation!

Vor dem Ausgang hielt mich dann noch eine Gruppe aufgeregter, japanischer Schüler_Innen auf und bat um ein Interview, das sie für ihren Englischunterricht machen sollten. Das war eine sehr nette Begegnung und natürlich habe ich die Fragen beantwortet und ein Foto mit den Kids gemacht. Leider war mein Kameraakku zu dem Zeitpunkt leer. Als Dankeschön bekam ich von der Gruppe ein Geschenk in Form einer Englisch beschrifteten Karte mit einer Empfehlung, was der Lieblingsort der Kinder ist.

Vom Bambuswald zum Gipfel

Bamboo Forst, Sagano
Bamboo Forst, Sagano

Der Ausflug, den wir für Samstag geplant hatten führte uns zum Arashiyama (嵐山 – “Sturmberg”). Der Stadtteil gleichen Namens liegt im äußersten Westen Kyōtos und hat eine ganze Menge zu bieten. Vor allem wollten wir den relativ bekannten “Bamboo Forest” in Sagano besuchen.

Das Weg durch dieses Areal ist wirklich sehr schön und zu empfehlen. Ein echter Bambuswald hat ein sehr eigenes Flair, was mit europäischen Wäldern nicht zu vergleichen ist. Der Bereich ist touristisch natürlich sehr erschlossen, was bedeutete, dass man hier kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Trotzdem hat sich der Spaziergang sehr gelohnt.

Gartenanlage des Tenryū-ji
Gartenanlage des Tenryū-ji

Auf dem Weg liegt auch ein Teil des Tenryū-ji (der Tempel, in dem wir auch den Roshi getroffen haben). Vor allem die Gartenanlage hier ist wunderschön und der Abstecher und der Eintritt haben sich mehr als gelohnt.

Von hier aus führte uns der Weg weiter durch den Bamboo Forest und durch ein sehr schönes Gebiet ans Ufer des (jedenfalls hier noch) Hozugawa. Auf diesem Fluss sind viele Boote unterwegs, die Touristen durch das sehr bekannte und wirklich sehr schöne Tal fahren. Das Besondere ist, dass auf vielen der Boote gegrillt wird, während die über den Fluss fahren und, dass sie gestakt werden.

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Berg- und Talfahrt

Der Mount Hiei, oder Hiezan (比叡山), wie es auf Japanisch heißt ist ein Berg, der die nord-östliche Grenze Kyōtos festlegt. Mit gut 848m Höhe für ein Nordlicht wie mich ein ziemlicher Kawentsmann.

Cool (ich) and the gang (der Rest) ;-)
Cool (ich) and the gang (der Rest) ;-)

788 gründete der Mönch Saichō auf dem Hiezan den Enryaku-ji, bis heute das Zentrum der bedeutenden, buddhistischen, Tendaischule. Der enorm große Tempel teil sich in mehrere Untertempel und Schreine, von denen heute viele zum Weltkulturerbe gehören.

Besonderer Clou dieses Fieldtrips war, dass sich uns zwei japanische Studentinnen anschlossen, die bei Prof. Doi (dem Direktor des NCC) studieren.

Die Glocke im Enryaku-ji
Die Glocke im Enryaku-ji

Im Enryaku-ji gibt es eine ganze Menge Tafeln, die das Entstehen der Tendaischule erklären (leider nur auf Japanisch) und, die Mönchen gewidmet sind, die für Tendai in irgendeiner Form wichtig sind.

An einer großen Glocke kann man für ein kleines Opfer Wünsche und Gebete loswerden. Ohnehin spielt “Krach” oft eine große Rolle: Um die Aufmerksamkeit eines Gottes auf sich und den Wunsch zu ziehen, ist es nötig, eine Glocke oder einen Gong zu schlagen.

Nicht verlassen - nur lange nicht benutzt
Nicht verlassen – nur lange nicht benutzt: Der Priester Eshin hat hier studiert

Interessant ist die Anlage auch, weil es diverse Tempelgebäude gibt, die verlassen scheinen. Herr Repp erklärte, dass diese Bereiche nur zu sehr besonderen Anlässen benutzt werden, so gibt es einen Ritus, bei dem 1000 Tage am Stück meditiert wird. Während dieser Zeit müssen bestimmte Bereiche zur Meditation benutzt werden.

Yokawa Chudos 1000 Buddhas
Yokawa Chudos 1000 Buddhas

Auf dem Hiezan befindet sich auch der Yokawa Chudo. In diesem “Untertempel” wird das Bild des Boddhisatva Kannon verehrt. Im Tempelgebäude gibt es tausende Buddhafiguren – jeweils etwa 15cm hoch und vergoldet. Sie sind rund herum um das eigentliche Heiligtum aufgestellt. Neben jeder Figur ist ein Schild angebracht, das den Spender nennt. Auch diese Form von Verdiensten ist nötig, um das eigene Karma zu verbessern.

Syakodo
Syakodo

Der Hieizan ist ein heiliger Berg – die Tempelanlage gewaltig. Wir haben sehr, sehr viele Tempel besucht: Alle mit kleinen Eigenheiten. Auf jeden einzugehen wäre zu viel. Irgendwie bewegend fand ich einen kleinen Tempel in der Nähe zum Grab von Ganzan Jie Daishi: Syakodo.

Der Garten des Tempels ist als karesansui angelegt – als “trockener Garten”. Sobald man durch das Tor geht, welches zum Garten führt ist man in einer anderen, ruhigeren Welt. Ich kann das nicht beschreiben, aber das Gefühl war unglaublich.

Jizōfiguren mit alten Tüchern
Jizōfiguren mit alten Tüchern

In unmittelbarer Nähe zum Grab fanden wir auch zwei Jizōfiguren mit alten, verwitterten Tüchern. Der Kult um den Mönch und Schüler Buddhas, Jizō, besteht vor allem darin, dass Jizō die Seelen in die Unterwelt begleitet. Jizō gilt vor allem auch als Beschützer toter (und besonders abgetriebener) Kinder. Daher findet man seine Figuren sehr, sehr oft in Japan. Frisch umgebundene Tücher sind ein Zeichen für den Tod eines Kindes in jüngster Vergangenheit.

Zwei verwitterte Tücher zu sehen war daher ein bedrückendes Gefühl.

Mit dem Bus, der auf dem Hieizan fährt, ging es dann – natürlich – zum Gipfel. Der Ausblick über die umgebenden Berge und Städte war der Wahnsinn.

Aussicht vom Hiezan
Aussicht vom Hiezan

Die Talfahrt gab es dann einige Tage später.

Über einen Professor waren wir ins Bazar Café eingeladen. Dieser Ort richtet sich vor allem an Menschen, die Probleme jedweder Art haben. Hier waren wir zu einer kleinen Feier mit einigen Amerikanern und den Menschen, die im Café arbeiten eingeladen.

Bazar Café
Bazar Café

Zwischen Berichten zu Drogen, Gewalt zu Hause, Abtreibung, Einsamkeit usw. gab es trotzdem viel zu lachen und sehr, sehr nette Gespräche. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, mein Praktikum hier zu absolvieren, daher widme ich mich dem Bazar Café in einem eigenen Post nochmal intensiver.

Zwischen Hirschen

Der Große Buddha im Tōdai-ji
Der Große Buddha im Tōdai-ji

Nara … eine Stadt, süd-westlich von Kyoto, die bedeutend ist, für die japanische Geschichte.  Von 710 bis 784 war Nara Japans Hauptstadt und Sitz des Kaisers. Aus der “Narazeit” stammen auch viele der imposanten Tempelanlagen – und vor allem der Daibutsu – der Große Buddha.

Diese 15m hohe Bronzefigur alleine wäre schon einen Besuch wert, die Great Buddha Hall des Tōdai-ji ist das größte Holzgebäude der Welt und nicht minder beeindruckend, wenn man davor steht, bzw. hindurch geht. 

Reinigung im Tōdai-ji
Reinigung im Tōdai-ji

Der Tōdai-ji ist touristisch – natürlich – sehr erschlossen und daher sehr gut besucht. Zur Reinigung benutzt man hier kein Wasser, sondern Räucherstäbchen, daher liegt in der Halle des Daibutsu ein Duft von Weihrauch.

Nara ist aber nicht nur für seine Tempel bekannt, sondern auch – und vielleicht vor allem – für die Hirsche, die in der Stadt frei herumlaufen.

Ein Hirsch in Nara
Ein Hirsch in Nara

Der Legende nach, ritten die vier Kami des Kasuga-Schreins auf Hirschen, daher wurden diese von der Fujiwara-Familie (im Prinzip die bedeutendste japanische Adelsfamilie des Altertums) besonders geschützt. Einmal im Jahr werden den wilden Hirschen von Shintō-Priestern die Geweihe geschnitten.

Die Gojūnotō - mit 50m die zweithöchste Pagode Japans
Die Gojūnotō – mit 50m die zweithöchste Pagode Japans

Der Nara-Park, in dem auch der Tōdai-ji liegt, hat aber noch mehr Tempel und Schreine zu bieten. So z.B. den Kōfuku-ji, in dem zwar augenblicklich gebaut wird (man baut eines der ursprünglichen Tempelgebäude wieder auf), der aber vor allem wegen der Gojūnotō, der zweitgrößten Pagode Japans, trotzdem sehr sehenswert ist.

Ein Priester im Kasuga-Taisha
Ein Priester im Kasuga-Taisha

Doch nicht nur Tempel, auch Schreine bietet der Nara-Park. Im Kasuga-Taishi konnten wir zwar nicht in den inneren Bereich, aber das hatte einen guten Grund: Als wir kamen, wurde gerade eine religiöse Zeremonie abgehalten, die auch von außen sehr gut zu beobachten war.

Das Schreingelände ist sehr groß und besteht aus diversen Unterschreinen, Nebengebäuden, alten Lagerhäusern und hunderten von gespendeten Laternen, die die Wege säumen. Bei bestimmten Festen werden alle Laternen entzündet, was eine unglaubliche Atmosphäre sein muss – ich hoffe sehr, die Gelegenheit zu haben, das zu sehen.

Figur für den Drachentanz
Figur für den Drachentanz

Ein schönes Nebenerlebnis war es für mich, echte Figuren für den Löwen- oder Drachentanz zu sehen, die in einem Nebenschrein aufgebaut waren.

Der Field Trip nach Nara führte uns auch noch in eine christliche Gemeinde. Hier wurden wir von einem der Kirchenältesten (entspricht dem Kirchenvorstand) geführt.

Das einem Dach nachempfundene Pult
Das einem Dach nachempfundene Pult

Auffällig an der Japanese Episcopal Nara Christ Church ist, dass von einem Tempelarchitekten entworfen wurde. Das Innere der Kirche besteht fast vollständig aus Holz und diverse Elemente des Tempelbaus finden sich in der Kirche.

Besonders angetan hat es mir das Pult, das einem traditionellen japanischen Dach nachempfunden ist und, so wurde uns erklärt, dafür steht, das Evangelium “von den Dächern zu Verkünden”.

Deutsch beschriftete Register
Deutsch beschriftete Register

1987 wurde in der Kirche die einzige Orgel in der Präfektur Nara installiert, die 20 Register hat und von einer deutschen Firma nach Japan gebracht und aufgebaut wurde. Die Register und Pedale sind auf Deutsch beschriftet. Klassischer Orgelbau aus Deutschland in einer – aus Respekt in einem bestimmten Tempelstil gebauten – Kirche. So kann religiöses Miteinander gelingen. Mir hat das sehr zu denken gegeben.

Gangō-ji
Gangō-ji

Von der Christchurch aus ging es zum Gangō-ji – dem ältesten Tempel Japans. Die Architektur unterscheidet sich sehr von den Tempeln, die wir bisher besucht haben. Sehr viel gedrungener wirkt der Bau. Im Inneren – wo man, wie üblich – nicht fotografieren darf, ist er ebenfalls sehr viel niedriger und gedrungener.

Ich muss gestehen, dass ich hier nach fast sechs Stunden ziemlich fertig war und den Tempel nicht entsprechend gewürdigt habe – schade eigentlich. Auf dem Tempelgelände gibt es ein kleines Museum, dessen Exponate sehr interessant sind und einige jahrhundertealte Schriften und religiöse Kunstgegenstände ausstellt.

Ein bettelnder Mönch
Ein bettelnder Mönch

Vom Gangō-ji aus ging es für uns dann wieder in Richtung Bahnhof mit dem Ziel Kyōto. Aber auch am Bahnhof liefen uns Japans Religionen über den Weg: Ein Mönch, der für seinen Tempel und die Mönchsgemeinschaft bettelte, stand in traditioneller Bettelkleidung vor dem Bahnhofsgebäude. Auch ein Anblick, den ich so schnell nicht vergessen werde. Für meine kleine Spende segnete er mich quasi “im Vorbeigehen”. Das ist das Japan, das sich als säkular versteht.

Ein besonderes Souvenir gab es übrigens an der Christchurch:

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Bittere Erfahrungen

Der erste “echte” Field Trip liegt hinter uns.

Um 8:45 Uhr ging es auf Einladung von Tanaka-sensei, einem Zenlehrer, mit der Regionalbahn los in Richtung Obakusan Mampukuji. Dieser große Tempel hat nicht nur religionsgeschichtlich große Bedeutung für Japan.

Rund 60.000 Druckplatten werden im Tempel aufbewahrt
Rund 60.000 Druckplatten werden im Tempel aufbewahrt

In einem Nebentempel, dem Obakusan Hozoin Tempel, werden rund 60.000 Druckplatten aufbewahrt, um den buddhistischen Kanon zu drucken. Ab 1669 herum sammelte der Mönch Tetsugen Dōkō Geld, um die Platten und die Drucktechnik anschaffen zu können. Über Japan brach eine große Hungersnot herein und er kaufte von dem gesammelten Geld Reis für die Hungernden. Das gleiche geschah bei der zweiten Sammlung wieder und erst mit der dritten Sammlung gelang es, nach 1680, die Druckplatten anzuschaffen.

Ein Mönch bei der Druckarbeit
Ein Mönch bei der Druckarbeit

Zwar werden buddhistische Schriften heute in der Regel per Maschine gedruckt, im Obakasun Hozoin Tempel wird die alte Kunst des Druckens aber bewahrt. So werden die hölzernen Platten noch heute benutzt. Ein uraltes Handwerk, welches Jahre des Übens benötigt, bis man es beherrscht. Das Drucken, so erklärte uns Herr Tanaka, sei eine “Aufgabe der Bodhisattvas“, also eine besondere Aufgabe, die nur diejenigen erfüllen dürfen, die nach der höchsten Erleuchtung streben und dabei schon sehr weit gekommen sind.

Verzierungen werden auch per Hand gedruckt
Verzierungen werden auch per Hand gedruckt

Doch nicht nur Texte werden gedruckt – ähnlich wie bei Schmuckbibeln aus Europa werden die Druckerzeugnisse mit prächtigen Bildern geschmückt. Dabei werden nicht nur der Einband, sondern auch einzelnen Seiten besonders verziert.

Zum Drucken wird die Druckplatte mit Tinte bestrichen, dann Papier aufgelegt und auf der Rückseite des Papiers mit einem ledernen Werkzeug entlang gestrichen, bis die Tinte gleichmäßig verteilt ist.

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Runde Tore sind charakteristisch für chinesische Architektur

Vom Hozoin Tempel führte uns Herr Tanaka dann zum eigentlichen Haupttempel und führte uns persönlich durch das Heiligtum, das sich wesentlich von den bisher besuchten Tempeln unterscheidet. Im

Eine Buddhadarstellung
Eine Buddhadarstellung

Gegensatz zu den meisten Tempeln, handelt es sich beim Mampukuji um einen Tempel, der unter großem chinesischen Einfluss steht. Dies drückt sich sowohl in der Architektur, als auch in Verzierungen und Buddhadarstellungen, sowie Schutzgöttern aus.

Der Tempel wird von insgesamt vier Schutzgöttern bewacht
Der Tempel wird von insgesamt vier Schutzgöttern bewacht

Der Tempelbau begann 1661 unter dem chinesischen Gründer, Zenmeister Ingen. Manpukuji ist heute der Haupttempel der Obakusekte (wobei “Sekte” in Japan eher Lehre meint und keinerlei negative Konnotation hat!).

Herr Tanaka führte uns nicht nur durch die Gebäude des Tempels, sondern auch durch den Garten. Hier wachsen viele Pflanzen, aus denen die Mönche noch heute Arznei gewinnen und die in erster Linie aus China importiert sind. Die Pflege des Gartens obliegt den Mönchen.

Ein Mönch bei der Zenunterweisung
Ein Mönch bei der Zenunterweisung

Ebenso kümmern sich die Mönche um die Besucher des Tempels. Nicht nur Touristen kommen, sondern auch viele Gläubige, die von den Mönchen teilweise in den Techniken des Zen unterwiesen werden. Während unseres Aufenthaltes konnten wir von außen einer solchen Unterweisung zuschauen.

Ein ehemaliger Teilnehmer am ISJP hat übrigens ein ganzes Jahr im Mampukuji verbracht und dort Zentechniken gelernt.

Herr Tanaka erklärt den Garten
Herr Tanaka erklärt den Garten

Von einem besonderen Strauch durften wir eine heilende Beere kauen. Das Lächeln von Herrn Tanaka hätte vielleicht vorsichtig machen sollen – aber Medizin muss bitter sein, sonst hilft sie nicht.

Ich jedenfalls fühle mich schon viel gesünder, als je zuvor … – danke an Christoph, der ein ausgezeichnetes Gespür für den Auslöser der Kamera beweisen hat.

Medizin muss bitter sein ...
Medizin muss bitter sein …

Den Namen der Beere weiß ich leider nicht – Herr Tanaka hat mich scheinbar falsch verstanden, denn unter “Oboku” kann ich keine Pflanze finden. Einige Samen hat er mir aber für den heimischen Garten mitgegeben. Wer weiß, wofür die nochmal gut sind.

Wein im Tempelbüro
Wein im Tempelbüro

Nach dem Gang durch den Tempel lud her Tanaka uns noch ein, mit Tempelbüro einen kleinen Imbiss mit ihm einzunehmen. Der erwies sich schnell als Tee (natürlich) und zwei Flaschen Wein. Weißwein aus Neuseeland und Rotwein aus Japan. Herr Tanaka gestand uns, ein großer Weinliebhaber zu sein. Sein Traum? “A winemonastery for zenmonks.”

Auf dem Rückweg zum Bahnhof hatten wir etwas Glück: Ein japanischer Reiher saß auf einem der Tempelgebäude und erwies sich als äußert fotogen.

Ein japanischer Reiher
Ein japanischer Reiher

Der beste Tag …

… bisher war mit Sicherheit heute (30.9.).

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Die Türen sind nicht für mich gebaut …

Um zehn Uhr ging es, wie üblich, zum Unterricht am NCC – dieses Mal gekürzt, denn wir hatten eine sehr besondere Einladung. Ein Mönch des Myōshinji-Tempels, mit dem Herr Repp befreundet ist, hatte angeboten uns durch den Tempel zu führen.

Ein besonderes Ereignis, das nicht jeden Tag vorkommt – doch der Tag sollte noch einige Überraschungen mit sich bringen.

Innerer Gebetsraum der Mönche
Innerer Gebetsraum der Mönche

Zunächst wurden wir am Tempel in Empfang genommen und durch den Mönch (dessen Name mir leider entfallen ist) in seinem Privathaus begrüßt. Sein “Privathaus” ist ein Privattempel, der seit gut 400 Jahren im Familienbesitz ist – so lange ist seine Familie ein Mönchsfamilie. Diese Tradition wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Neben der Küche und dem Speisesaal der Mönche, konnten wir auch einen Blick auf den inneren Gebetsraum werfen, der Besuchern eigentlich nicht zugänglich ist. Ein wahres Privileg.

In der Küche kann Reis für bis zu 500 Menschen gleichzeitig gekocht werden
In der Küche kann Reis für bis zu 500 Menschen gleichzeitig gekocht werden

Bei Tempelfesten kann in der Küche für etwa 500 Menschen zugleich Reis gekocht werden. Dazu werde Gemüse, Tofu, Früchte usw. gereicht – im Tempel isst man vegetarisch.

Von hier aus durften wir uns einer Führung anschließen und den mächtigen Drachen bewundern, der an die Decke des Hauptgebäudes gemalt ist.

Sehr interessant war es, den gigantischen Drachen einmal aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Der Stellungswechsel richtet viel aus und das Bild ändert sich. Mal bedrohlich, mal schützend – immer majestätisch. Kein Wunder, dass dieses Deckengemälde jedes Jahr viele Besucher anzieht.

Der mächtige Drache an der Tempeldecke
Der mächtige Drache an der Tempeldecke

Von hier aus ging es weiter zu einer Sauna – im Zen kann scheinbar auch dort meditiert werden. Die Sauna selbst, so wurde uns erklärt, ist eine Art Ahnenverehrung für einen Heerführer. Hier meditiert man schwitzend auf diesen Befehlshaber. Warum genau man damit in seinem persönlichen Streben weiterkommt habe ich aber nicht genau verstanden.

Nach der Führung durch die öffentlichen Teile des Tempels galt es, Herrn Repp zu suchen. Am vereinbarten Treffpunkt war er nicht zu finden. Kurzentschlossen drückten wir die Klingel, was einen Novizen herbei rief. Kurz darauf auch eine Nonne. Wir erklärten, wen wir suchten und wurden in die Quartiere der Mönche eingelassen.

Gruppenfoto mit Genshō Hōzumi-Roshi
Gruppenfoto mit Shunan-Roshi

Hier erlebten wir unsere erste Überraschung – urplötzlich standen wir vor Herrn Repp, dem Mönch und einem älteren Herrn in weiten, goldenen Gewändern. Ein wenig Verunsicherung auf allen Seiten, bis Herr Repp erklärte, wer wir sind – dann begrüßte uns der ältere Herr freundlich, bat uns Stühle an, die der Novize eiligst herbei brachte. Ebenso gab es Gebäck und Tee. Dann folgte die Erklärung: Wir hatten die große Ehre mit einem der wichtigsten und bekanntesten, international agierenden, Zengroßmeister Tee zu trinken. Shunan-Roshi hatte einige freundliche Worte für uns übrig, lachte viel und erzählte von einigen Aufenthalten in Deutschland. Sein Rat für uns beim Abschied: “Be genki” – “Seid gut drauf.”

Bell of Nanbanjin

Nach diesem wirklich tollen Gespräch ging es weiter durch den Tempel.

Im Shunkoin-Tempel, einem Untertempel des Myōshinji zeigte man uns die Bell of Nanbanji - die älteste, christliche Glocke Japans. Diese Glocke wurden von den Jesuiten während der ersten Mission nach Japan gebracht und gehörte zur ersten christlichen Kirche Kyōtos.

Von hier aus wurden wir zur Wohnung – dem Privattempel des Mönchs – geführt. 400 Jahre Familienbesitz sammeln so einige Kunstschätze. Viele Originale hat die japanische Regierung zu Staatseigentum erklärt und durch Reproduktionen ersetzt – die Originale in Museen verbracht.

Handbemalte Wand
Handbemalte Wand

Nach einer ausgiebigen Führung, vorbei an bemalten Papierwänden, einem privaten Gebetsraum und so manchen anderen Dingen, die kaum ein Besucher je zu Gesicht bekommen dürfte, folgte die zweite, große Überraschung des Tage.

Völlig unerwartet standen wir plötzlich in einem großen, mit Tatamimatten ausgelegten Raum. Die Papiertüren geöffnet, mit Blick auf den Garten in der Dämmerung standen hier mehrere Tische zum Rechteck gestellt.

Essen im Tempel
Essen im Tempel

Wir wurden gebeten, Platz zu nehmen – nach einer kurzen Ansprache, die Herr Repp übersetzte und in der wir herzlich willkommen geheißen wurden, aßen wir gemeinsam mit dem Mönch ein wahres Festessen: Sieben Gänge (wenn ich mich nicht verzählt habe) wurden uns serviert – dazu gab es Saft, Bier und Sake. Freundliche, deutsch-japanische Gespräche und jede Menge Speisen zu entdecken, die ich noch nie vorher gegessen habe. Die Kerne des Ginkobaums, Nüsse, Avocadocreme, japanisches Gebäck und vieles mehr.

Während der Teezeremonie
Während der Teezeremonie

Zum Abschluss wurde im Rahmen einer kleinen Teezeremonie grüner Tee gereicht. Die Teezeremonie wird klassischerweise von den Frauen der Mönche geleitet, die dafür ausgebildet sind.

Nach ausgiebigem Dank, vielen freundlichen Worten und einem Abschiedsgruß, ging es mit den Fahrrädern wieder zurück in Richtung Innenstadt.

Kanpai!
Kanpai!

Für mich war hier aber für heute noch nicht Schluss. peter-tvm hatte zum Geocaching-Event GC5BE06 -QTrJ14 part 7 – Kyoto / Okonomiyaki dinner geladen.  Da musste ich natürlich hin und traf auf eine Gruppe von sieben anderen Cachern. Der Abend war rundherum gelungen und hat mir viel Freude gemacht.

Endlich mal Leute kennenlernen, die in Kyoto leben und, die nicht mit der Uni zu tun haben. Dazu eine junge Frau aus Hong Kong, den Gastgeber aus Schweden … wunderbar.

Nach dem Event ging es dann noch gemeinsam zu der ein oder anderen Dose – ein Spaziergang, der nach dem vielen Essen sehr gut tat.

Großer Dank gebührt dem Cacher imadegawa, der mir mit der U-Bahn half und mich letztlich sogar zu sich nach Hause zum Tee einlud und mich dann zum Fahrrad brachte.

Vollgepumpt mit Endorphinen ging es dann zurück gen Betto-Cho.

Sollte es bis hier noch Zweifel gegeben haben, so sind diese für mich dahin. Nach Japan zu gehen war eine gute, eine wichtige und richtige Entscheidung. Ich merke, wie sich mein Blick auf so manche Selbstverständlichkeit daheim verändert und wie man über das ein oder andere ins Grübeln gerät.

Die Zeit in Japan beginnt mich zu berühren und das, soviel ist sicher, ist ein großer Schatz. Bedenkt man, dass ich erst seit zwei Wochen hier bin, dann ist das ein großer Schritt. Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass der Interkulturelle und der Interreligiöse Dialog unglaublich wichtig sind, wenn wir unseren eigenen Horizont, sei es weltlich oder geistlich, erweitern wollen.

One night in Gion

Das zweite Wochenende, das erste Mal Gion.

Blick über den Kamo bei Nacht
Blick über den Kamo bei Nacht

Gion, so heißt ein Teil Kyotos Altstadt, der auch als Geisha-Viertel bekannt ist. Von hier aus gelangt man zu vielen Kneipen und … Etablissements, die man als Ausländer nicht betreten darf. Versucht man es doch, erntet man vom Bodyguard vor Tür nur ein freundliches Lächeln und ein Kopfschütteln.

Gion bei Nacht
Gion bei Nacht

Gion sieht so aus, wie man sich Japan aus Filmen vorstellt, dabei aber nicht kitschig, sondern richtig schön. Die Lampions leuchten, aus (teuren) Restaurants dringen durch die Papierwände gedämpfte Gespräche und Lachen. Menschen stehen vor den Lokalen und warten darauf, dass sie hinein gebeten werden, weil ein Tisch frei geworden ist.

Die Atmosphäre ist freundlich – einzig die Touristen stören das klischeehafte, japanische Bild.

Spank me
Spank me

Besonders die engen Gassen haben es mir angetan. Kaum breit genug, dass zwei Menschen aneinander vorbei kommen, findet man hier das, wofür Gion heute eben auch steht: Sex.

In diversen Blogs liest man, dass die Entwicklung Gions zum Rotlichtbezirk vielen Japanern nicht gefällt. Eine gute Beschreibung findet sich in diesem Blogpost: “In the past couple of

Gasse in Gion
Gasse in Gion

years, however, fashion health spas and soaplands, pink salons and all-you-can-cum-in-thirty-minutes blow-job factories have spilled out of the narrow alleys that run between Kiyamachi and Kawaramachi Street – and have taken over many of what used to be bars and restaurants on Kiyamachi itself.”

Schilder, die auf Eintrittsgelder von um die 6000 Yen für 60-90 Minuten hinweisen sieht man häufig.

Betritt man dann wieder die Hauptstraßen, findet man diverse Bars, in denen Ausländer willkommen sind. Die größte Hemmschwelle war es, eines der ehemaligen Wohnhochhäuser zu betreten, in denen sich die Bars befinden. In Japan ist es üblich, dass ehemalige Wohnungen zu Bars werden – ein merkwürdiges Gefühl.

BFF <3 <3 <3
BFF <3 <3 <3

Die dutzenden Automaten, aus denen man Nippes ziehen kann oder, an denen man sich mit seiner besten Freundin fotographieren lassen kann blinken und spielen ihre penetrant hohen Melodien ab. Natürlich konnten wir es uns nicht nehmen lassen, Fotos machen zu lassen.

Geishas haben wir leider keine gesehen. Aber ich bin sicher, dass sich das noch ändern wird. Immerhin wird man sogar aufgefordert, auf Geishas zu achten.

In diesem bunten Gemisch aus Touristen, Bars, Girlclubs, Bodyguards,

Altar in Gion
Altar in Gion

blinkenden Automaten, Fetischsex und Geishas findet sich ein weiterer Beleg für Japans Religionen: Ein kleiner Altar, direkt neben einem Fischrestaurant und einer sehr belebten Kreuzung, an dem Gebetsplatten hängen, Opfergaben niedergelegt – und gebetet wird.

Das Studienprogramm führt uns also auch ins Nachtleben Japans.

Beware of Geisha
Beware of Geisha

In der Bar Jive nahmen wir noch ein letztes Getränk, unterhielten uns kurz mit einigen Japanern und machten uns dann auf den Weg zum Betto-Cho zurück.

Mein Eindruck ist zunehmend, dass Japan eine Gesellschaft ist, der es irgendwie gelingt, den anstrengenden Spagat zwischen Tradition und Moderne zu halten.

Back to school …

Überaus freundlich wurden wir im NCC vom Beirat begrüßt, davon hatte ich bereits berichtet. Dabei ist ein schönes Gruppenfoto entstanden, was uns inmitten des Beirates zeigt, kurz bevor wir gemeinsam zum Essen gegangen sind.

ISJP 2014 Teilnehmer_Innen mit Beirat
ISJP 2014 Teilnehmer_Innen mit Beirat

“Back to school” – so ist es tatsächlich. Nur viel besser. Zwar ist das NCC nicht das modernste Institut, aber die Inhalte, die wir bisher vermittelt bekommen haben, sind großartig.

Die erste Woche beginnt mit einer Einführung in die japanischen Religionen von Martin Repp. Mit ihm haben wir einen international

Ein Oni (Teufel), der den Tempel vor dem Bösen schützt
Ein Oni (Teufel), der den Tempel vor dem Bösen schützt

bekannten und anerkannten Experten für diese Themen als Dozenten und Begleiter vor Ort. Zwar betont Herr Repp immer wieder, dass er vieles “aus dem Stand” doziert und daher nicht auf jede Frage eine Antwort parat habe, aber dennoch: Die Inhalte sind vielfältig und sehr, sehr spannend. Da Herr Repp selbst gut 20 Jahre in Japan gelebt und gearbeitet hat, hat er vielfältige Kontakte vor Ort und kann uns Einblicke organisieren, die man normalerweise wohl kaum bekommen würde.

chinesische Malerei im Eikando Zenrin-Ji
chinesische Malerei im Eikando Zenrin-Ji

Martin Repp ist vor Ort auch unser Betreuer für die Zeit bis Mitte/Ende Oktober. Ohne seine Hilfe an vielen Stellen, wären wir mit Sicherheit immer mal wieder irgendwo hängen geblieben. Das gesamte Team vom NCC ist sehr bemüht um uns und mein Eindruck bisher ist, dass die Dozenten und Professoren (es sind tatsächlich nur Männer) allesamt ausgewiesene und renommierte Experten in ihren Fächern sind. Das war in Deutschland nicht immer so.

Schrein im Eikando Zenrin-Ji
Schrein im Eikando Zenrin-Ji

Bei allen, die am Programm beteiligt sind, merkt man, dass es ihnen eine Herzensangelegenheit ist und sie Freude daran haben, mit den Doitsujin zu arbeiten.

Hinweisen möchte ich noch auf den Blog des NCC, den man hier findet: http://ncc.webdeki-blog.com

Garten im Eikando Zenrin-Ji
Garten im Eikando Zenrin-Ji

Nach Herrn Repps Unterricht am Vormittag, haben wir in den vergangenen Tagen jeweils einen Shinto Schrein und einen buddhistischen Tempel besucht. Im Eikando Zenrin-Ji konnten wir viele Teile besichtigen, die andernorts nicht zugänglich sind.

Der Einkando Zenrin-Ji hat es mir wirklich angetan. Der liegt am Berghang direkt am Wald (Berg und Holz sind Symbole für Leben) und wird seinem Beinamen, Temple of Maple Leaves mehr als gerecht. Die Gärten im des Tempels sind unglaublich – genauso, wie der Ausblick, den man von der Pagode über Kyōto hat.

Kyōtos Berge
Kyōtos Berge

Im Tempel hielten wir uns knapp drei Stunden auf. Der Begriff “Power Spot”, der verwendet wird, um die Orte zu bezeichnen, an denen Schreine oder Tempel errichtet werden ist wirklich treffend.

Die Vorstellung, dass viele dieser Orte bereits seit Jahrhunderten und länger von Menschen als spirituelle Orte genutzt werden berührt mich sehr.

Die Atmosphäre dieser Orte ist unglaublich.

It may
It may

Ich habe zunehmend das Gefühl, dass die Zeit in Japan ein sehr

besonderer Schatz ist, den ich den Rest meines Lebens bewahren werde, was – dank wichtiger Warnhinweise – hoffentlich noch sehr lange ist ;-).

Eine ganze Menge Einladungen

Einladungen gehören in Japan dazu.

Und da wir unsere Zeit hier nutzen wollen, besteht für uns sie Möglichkeit, verschiedene, traditionell japanische, Künste auszuprobieren. Die erste Einladung des Tages führte uns zu Frau Kojima.

Frau Kojima ist Lehrerin für Kalligraphie und ab kommendem Montag beginne ich, bei ihr die Kunst der japanischen Kalligraphie zu lernen.

Tempelmahlzeit

Frau Nishimura, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Kenninji Tempelsin Kyoto, hatte uns über Herrn Repp, mit dem sie schon lange bekannt ist, eingeladen, am Temple Meal teilzunehmen.

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Beim Temple Meal

Das Temple Meal findet einmal im Jahr statt (wir vermuten zum Herbstanfang). Bei dieser Veranstaltung dürfen Menschen in den Tempel kommen und gemeinsam mit den Mönchen essen. Das Essen besteht, klassischerweise, aus vegetarischen Speisen und wird auf dem Boden sitzend eingenommen.

Es gab Suppe, Tofu, Reis und Gemüse, dazu dünnen Tee. Das Erlebnis, gemeinsam mit Gläubigen und Mönchen zu essen war beeindruckend. Das Gelände des Kenninji Tempels ist es ebenfalls.

Ein Mönch rezitiert singend die Lehre Buddhas
Ein Mönch rezitiert singend die Lehre Buddhas

Nach dem Essen hatten wir das große Glück, ein Ritual der Mönche und Gläubigen beobachten zu können: Die Rezitierung der Lehre als Gesang, um das Karma zu verbessern.

P1010108Das Geräusch ist mit nichts zu vergleichen, was ich kenne. Interessant ist aber vor allem, dass man bei geschlossenen Augen regelrecht “aufgesogen” wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass man spirituelle Erlebnisse während dieser Form des Ritus haben kann.

Die erste Vorlesung

Nach dem Essen und der Rezitierung im Tempel stand die erste Vorlesung des Semesters an. Im NCC Center waren wir zur Orientation eingeladen: Herr Prof. Doi und Herr Prof. Iwano stellten uns das Studienprogramm vor.

Die erste Vorlesung hielt Prof. Jeffrey Mensendiek, ein Amerikaner, der seit er zwei ist in Japan lebt. Pro. Mensendiek hat das Erdbeben in Fukushima und dessen Auswirkungen am eigenen Leib erfahren, da er in unmittelbarer Nähe lebt. Seine Vorlesung trug den Titel Fukushima – A people broken and torn apart und war überaus interessant. Insbesondere, was seitens der japanischen Regierung verschwiegen wird ist besorgniserregend. Die Entwicklung Japans scheint sich ohnehin von einer echten Demokratie zu entfernen.

Ans Herz legen möchte ich euch den Blog von Prof. Mensendiek, auf dem er aus der Region um Fukushima berichtet.

Nach der Vorlesung waren wir eingeladen, gemeinsam mit dem Beirat des NCC zu essen. In einem Restaurant gab es klassisch japanisches

You are my wonderwaaaaaaaaaaaaaall!
You are my wonderwaaaaaaaaaaaaaall!

Essen, inklusive sitzen auf dem Boden. Der Abend war sehr nett, vor allem die Professoren in eher privater Atmosphäre kennenzulernen hatte seinen Charme.

Da es nach dem Essen noch sehr früh war, entschieden wir uns unseren ersten Gaijin Karaoke Abend zu schmeißen. Als zweifacher Karaokechampion natürlich ein gefundenes Fressen für mich!