Ein Macher

Auf Einladung von Pastor Hisao Tokoro von der CEAM (Christian East Asia Mission), bzw. des Kyoto International Social Welfare Exchange Centre [sic!] (KISWEC) waren wir heute mal wieder unterwegs.

Recyclinganlage
Recyclinganlage

Pastor Tokoro zeigte uns mehrere Einrichtungen, die das KISWEC in Kyoto betreibt. Begonnen hat unsere Führung in einem Industriegebiet – was uns alle zunächst verwirrte. Das KISWEC betreibt hier eine Recyclinganlage für Dosen, Flaschen und Kunststoffe. In dieser Einrichtung arbeiten 50 körperlich und vor allem geistig behinderte Menschen. Sie werden von 15 Fachkräften und einem Sozialarbeiter unterstützt.

Müll aus ドイツ (Deutschland)
Müll aus ドイツ (Deutschland)

In der Anlage gibt es außerdem einen Bereich, in dem Schüler_Innen gezeigt wird, wie man recycelt, wie Müll vermieden werden kann etc. Von hier aus kann man per Camera in die Anlage schauen und einen Eindruck von der – anstrengenden und schmutzigen Arbeit – bekommen. So gibt es zum Beispiel Müll aus verschiedenen Ländern zu sehen, um zu zeigen, wie Mülltrennung an anderen Orten aussehen kann.

Die Arbeit ist hart - Pausen sollen daher aktiv gestaltet werden
Die Arbeit ist hart – Pausen sollen daher aktiv gestaltet werden

Laut Herrn Tokoro werden die behinderten Menschen hier relativ gut bezahlt. 100.000 Yen (etwa 700 Euro) erhalten die Arbeiter_Innen in der Fabrik – unabhängig davon, was sie, bedingt durch ihre Behinderung, leisten können: „It is a very dirty job and our students deserve a fair payment.“, sagt Tokoro. Students? Ja, denn in den Betrieben werden die Menschen aus- und weitergebildet. Nicht ohne Stolz erzählt Pastor Tokoro davon, dass es einige „sehr Begabte“ sogar in den ersten Arbeitsmarkt geschafft hätten, einer davon sogar, obwohl er das Downsyndrom habe.

Gemeinsame Teepause
Gemeinsame Teepause

Die große Herzlichkeit, die ich von Menschen mit Downsyndrom aus Deutschland kenne war in Japan nicht anders: Verbeugen, Hände schütteln und sogar eine Umarmung gab es für uns, die Doitsujin. Trotzdem: Von der Arbeit ließ sich durch uns niemand lange abhalten. Das galt auch für die zweite Einrichtung, die wir besucht haben.

Hier werden, erklärte Pastor Tokoro, Bauteile aus Metall und Kunststoff für Häuser und elektrische Anlagen gefertigt.

Gearbeitet und ausgebildet wird auch an schwerem Gerät
Gearbeitet und ausgebildet wird auch an schwerem Gerät

Momentan arbeiten hier 40 Menschen. Betreut werden sie von acht Anleitern und einer Sozialpädagogin, die in Deutschland studiert hat. 2010 wurde dieser Teil der Einrichtung eröffnet, seitdem haben hier mehr als 250 Menschen gearbeitet. Einige sind bereits seit Beginn dabei. Bleiben kann jeder solange er möchte.

Die Plätze sind sehr begehrt: Zum einen ist der Lohn eine wichtige Unterstützung für die teure Betreuung der behinderten Menschen durch ihre Familien. Wichtiger sei es aber, dass man den Menschen einen Sinn im Leben gibt. Pastor Tokoro erzählt davon, dass Behinderte in Japan ein Tabuthema seien.

Das KISWEC
Das KISWEC

Aus dem Industriegebiet fuhren wir wieder in die Stadt. Hier ging es zum eigentlichen Center. Im KISWEC werden Sozialarbeiter_Innen aus- und weitergebildet. Es sei unüblich, dass Menschen während ihrer Arbeitszeit an Weiterbildungen teilnähmen, sagt Tokoro. Daher fänden die Kurse überwiegend von Freitag bis Montag statt – im Urlaub.

Schwerpunkt sind heilpädagogische und psychologische Themen. Auch Familientherapeut_Innen werden hier ausgebildet; laut Pastor Tokoro ein Feld mit immer höherem Bedarf. Die japanische Familie, das haben wir schon von vielen Dozenten gehört, zerfällt zunehmend. Viele als, selbstverständlich empfundene, Bedingungen ändern sich, dabei müssten Menschen unterstützt werden.

Pastor Hisao Tokoro
Pastor Hisao Tokoro

In Japan verdienen Sozialarbeiter_Innen im Durchschnitt etwa 300.000 Yen (etwas über 2.000 Euro brutto). Im Staatsdienst etwas mehr. Der Job ist, ähnlich wie in Deutschland, nicht gut genug bezahlt und lockt daher weniger Japaner_Innen an, als nötig wären.

Das Center muss sich finanziell selbst tragen, Kirchensteuer o.ä. gibt es in Japan nicht. Größte Einnahmequelle für das 1973 gegründete KISMEC ist ein hier entwickeltes und in Japan weit verbreitetes Diagnoseprogramm für Autismus und Entwicklung im Kindesalter. Diese Methode ist staatlich anerkannt und wird japanweit verkauft. Die Ausbildung in diesem besonderen Programm findet ebenfalls im KISMEC statt.

Die Warteliste ist lang: 700 bis 800 Fachleute, Therapeut_Innen, Sozialarbeiter_Innen, Lehrer_Innen, usw. stehen derzeit darauf. Gute drei Jahre müssen sie warten, bis das KISMEC sie ausbilden kann.

おいしですよ。
おいしですよ。

Gut ein einhalb Stunden dauerte das Gespräch mit Herrn Tokoro in seinem Amtszimmer. Danach lud er uns zu einem ausgiebigen Essen in einem nahen Restaurant ein. Das Gespräch drehte sich hier noch einige Zeit um die Aktivitäten der Kirche und Diakonie in Japan. Aber auch um völlig andere Themen.

Hier erzählte uns Herr Tokoro auch, dass die CEAM im kommenden Jahr Studierende nach Finnland, Dänemark, England und Italien schickt, um dort Soziale Arbeit zu studieren. Man müsse international vernetzt und aufgestellt sein. Ein Sozialarbeiter aus Deutschland fehle dem Team auch, erwähnte er grinsend.

Viele Ideen spuken Pastor Tokoro im Kopf herum: Ein Programm, um Essen, welches kurz vor dem Ablaufdatum ist, an Obdachlose zu verteilen, zum Beispiel. Aber: „I am just one person – I can not do anything.“ Das klingt bei ihm nicht weinerlich oder als wolle er sich drücken, eher nach aufrichtigem Bedauern: „I can not stop to hope. When we stop to hope, everything is lost. You have to be like bamboo: When bamboo is cut it grows higher and stronger the next year.“

Herr Tokoro wird nächstes Jahr 80.

Pastor Tokoro und die Betto-Cho Crew
Pastor Tokoro und die Betto-Cho Crew

2 Gedanken zu „Ein Macher“

  1. Hallo Bruderherz,

    ein spannender und interessanter Beitrag!
    Herr Tokoro macht einen unglaublichen coolen und sympathischen Eindruck! :)

    Liebste Grüße

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