Ein Besuch bei Ōmoto

Ōmoto – ein Begriff, der in Europa vermutlich so gut wie niemandem etwas sagt. Gleiches gilt vermutlich für den Terminus Shinshūkyō, der für japanische Neureligionen verwendet wird.

Unter Shinshūkyō versteht man vor allem religiöse Gruppen, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet haben; der Wikipediaartikel erklärt Shinshūkyō recht gut.

Ōmoto ist eine solche „Neureligion“. 1892 wurde sie von DEGUCHI Nao gegründet. Der Gründungslegende nach habe sich der Analphabetin Nao ein Geist offenbart, sich ihrer bemächtigt und durch sie das so genannte Ofudsaki („Spitze des Pinsels“) geschrieben. Diese fast 200.000 Seiten umfassende Schrift gilt als „heilige Schrift“ Ōmotos.

Die Anhänger Ōmotos glauben an den „true god“, der sich selbst als Ushitora no Konjin bezeichnet habe. Gleichzeitig vertritt Ōmoto aber auch die Ansicht, dass Götter von „good religions“ im Prinzip nur andere Facetten von Ushitora no Konjin seien.

Ōmoto setzt sich sehr intensiv für den interreligiösen Dialog und Friedensarbeit ein.

Soviel vorweg.

Am vergangenen Wochenende waren wir bei der Gruppe zu Gast. Am Sonntag konnten wir als Ehrengäste an einem der großen vier Feste des Jahres teilnehmen. Außerdem trafen wir – reichlich unvorbereitet – die spirituelle Führerin Ōmotos, DEGUCHI Kurenai.

Zeremonie bei Ōmoto
Zeremonie bei Ōmoto

Die Zeremonie selbst ist ein Herbstfest, das man wohl am ehesten mit Erntedank vergleichen könnte. Bei der Shintozeremonie werden Texte rezitiert, Priester halten Riten ab etc. Freundlicherweise hatten wir eine gute Betreuung vor Ort und haben alles auf Englisch bekommen.

Interview
Interview

Nach der Zeremonie wurden wir auf dem Gelände herumgeführt, konnten uns verschiedene Sachen anschauen und man bat mich, ein Interview zu geben. Der Tonus war ab hier reichlich merkwürdig und befremdlich. Insofern habe ich in dem Interview so vage wie möglich geantwortet.

Zu Gast war außer uns auch noch eine Gruppe aus der Mongolei. Gemeinsam mit der Gruppe und einigen Mitarbeitern von Ōmoto war am Abend dann Partytime angesagt. Und ab da wurde es aus meiner Sicht wirklich strange.

Die Japaner haben sich massiv betrunken und es war an viele Stellen sehr unangenehm. Zwar war die Party an sich ganz nett, da wir mit den Mongolen wirklich nett ins Gespräch gekommen sind, aber eben auch extrem merkwürdig. Den ganzen Abend über habe ich mich sehr unangenehm gefühlt. Irgendwann wurden dann Lieder aus der Mongolei, Japan und Deutschland gesungen, was zu Beginn nett war.

Zum Ende der Party wurde jeder aufgefordert zu sagen, was er_sie an Ōmoto gut findet. Vorher war kein Rauskommen möglich.

Der zweite Tag  war für uns mit Seminaren zu Ōmotos Weltsicht geprägt. Allerdings auf eine Art und Weise, die mir nicht schmeckte.

Das erste Seminar befasste sich mit dem Lehren Ōmotos. Das ist im Wesentlichen ganz interessant, problematisch finde ich es nur, wenn der Dozent, sobald kritische Fragen kommen, geht.

Ein Beispiel, was ich besonders absurd finde, möchte ich hier vorstellen. Der Referent, Rev. Takeda gab folgendes Beispiel:

Einem Paar wird ein Kind geboren. Die Familie misshandelt das Kind stetig und schließlich verstirbt das Kind als direkte Folge der Misshandlungen. Nach dem Glauben von Ōmoto, so erklärte Rev. Takeda, habe das Kind seine Geburt in diese Familie und damit die Misshandlungen vor seiner Geburt selbst gewählt, um den Eltern zu zeigen, dass Misshandlung schlecht sei. Wörtlich:

„Hell is made by the child itself.“

Im Vortrag kamen auch andere Sätze vor, bei denen sich mir die Fußnägel aufrollten:

„You have to become a warm and light person so everybody likes you.“

„The world is a big themepark or Disneyland.“

„This world is kind of paradise.“

Gemeinsam mit der Gruppe aus der Mongolei und Mitarbeitern von Omoto
Gemeinsam mit der Gruppe aus der Mongolei und Mitarbeitern von Omoto

Die Texte, für den Vortrag benutzt wurden, sind nur in sehr kurzen Auszügen vorgekommen; kritische Stellen in Teilen der wichtigsten Texte Ōmotos, wie: „[…] There is only one sun in the world. With seven or eight kings, the world will always be in turmoil. Therefore, I [Ushitora – Anm. von mir] have set in motion my plan to rule the world with one divine king. […]“ (Sources of Japanese Traditions, Volume two 1600-2000, compiled by Wm. Theodore de Bar et. al) wurden schlicht übergangen und nicht angesprochen.

Der zweite Vortrag widmete sich der Friedensarbeit von Ōmoto zwischen Israel und Palästina. Man hat dafür eigens eine NGO gegründet, die aber direkt Ōmoto untersteht. Unsere Fragen dahingehend wurden nicht wirklich beantwortet.

Auch diverse, unkommentierte und reichlich pathetische, Imagefilme, die man uns völlig unkommentiert zeigte, verstärkten meinen Eindruck, dass hier nicht wirklich auf Dialog gesetzt wurde. Alles in allem hat Ōmoto wenig Mühe gescheut, sich um uns zu kümmern. Ein Bus, freie Kost und Logis, permanente Betreuung durch Medienprofis, einen Fotografen und stellenweise ein Kamerateam sind mir dafür ausreichender Beleg.

Es gibt Gründe für Ōmotos Mühen. Trotz der unangenehmen Situationen, in die wir bisweilen gekommen sind, bin ich sehr froh, dort gewesen zu sein. Nur so kann man sich ein Urteil bilden und fundiert sprechen. Auch innerhalb unserer Gruppe hat der Besuch bei Ōmoto zu reichliche Diskussion geführt, was interessant und anregend war.

Im Nachhinein finde ich es noch recht bezeichnend, dass das Foto, auf dem wir mit der Spirituellen Führerin abgebildet sind, von Ōmoto nicht freigegeben und uns daher auch nicht geschickt wurde. Man hat eben doch gern alles unter Kontrolle.

 

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