Zwischen Gärten, Rotlicht, Wrestling und der Mafia

Ōsaka – dahin führte mich mein Weg heute.

Osaka Station
Osaka Station

Ausschlaggebend war dafür vor allem der Hinweis meines Schwagers in Spe, Hannes. Der wies mich nämlich darauf hin, dass Colt Cabana im Rahmen der Global League Tour von Pro Wrestling NOAH in Japan unterwegs ist. Nach kurzer Recherche ergab sich: Die Tour hält in Osaka. Und das ist nur ca. 35 Minuten mit dem Zug entfernt.

Der Besuch in Ōsaka hatte es in sich – soviel sei schon mal vorweg verraten.

Floating Garden

Selfie in 173m Höhe? Done.
Selfie in 173m Höhe? Done.

In 173m Höhe kann man den „Floating Garden“ besuchen. Auf dem Umeda Sky Building, einem der Wahrzeichen Ōsakas, befindet sich eine architektonisch interessante Aussichtsplattform.

Für 700 Yen kann man mit einem gläsernen Aufzug hinauf fahren und die Skyline Ōsakas betrachten und in die Ferne schauen.

Umeda Sky Building
Umeda Sky Building

Am Fuß des Umeda Sky Buildings findet sich ein echter Garten, den ich sehr schön finde. Die „Reverse Falls“ sind eine witzige Idee, die in der Realität sehr viel cooler aussehen, als auf dem Bild.

Am Fuß des Gebäudes findet übrigens jährlich der „Deutsche Weihnachtsmarkt Ōsaka“ (inklusive Glühweintassen mit Beschriftung) statt.

Die Rolletreppe nach oben – vom 35. in den 39. Stock – ist übrigens auch ziemlich abgefahren.

„Luca Brasi liegt bei den Fischen …“

Dieses – nicht ganz richtige – Zitat aus „Der Pate“ führt mich zu einem der, mit Sicherheit, abgefahrensten und merkwürdigsten Erlebnisse meines Lebens. Vorab sei erwähnt: Ich wurde gebeten, weder Namen noch Plätze genauer zu nennen – Fotos gibt es auch nicht.

An der U-Bahnstation, von er aus ich nach Namba, dem alten Technikviertel Ōsakas, fahren wollte, war ich etwas ratlos, da ich die Station, zu der ich wollte auf dem Plakat nicht finden konnte. Ein anderer gaijin (Mitte 40, Anzug – im Folgenden einfach X) sprach mich auf Englisch an, ob er helfen könne. Er konnte und, da er in die gleiche Bahn und Richtung wollte, bot er sogar an, mich zum Gleis zu bringen.

In der Bahn unterhielten wir uns, ich berichtete, was ich in Ōsaka und Japan mache und, wohin ich wollte. Daraufhin verzog er das Gesicht und fragte mich, ob ich nicht mal nach Kamagasaki wolle. Nun muss man wissen, dass Kamagasaki der größte Slum Japans ist und man uns dringend davon abgeraten hat, dorthin zu gehen.

Neugierig war ich natürlich und da ich der Sohn eines rasenden Reporters bin und berufsbedingt der Ansicht bin, dass man a) manchmal Risiken eingehen muss und b) auf Menschen zugehen sollte, sagte ich – recht nervös – ja. Wir fuhren also mit der U-Bahn weiter und X führte mich durch den Slum. Auf meine Frage, warum er sich hier auskenne antwortete er nur „I own this place“.

Zu dem Zeitpunkt hielt ich das für einen Spruch.

Der Gang durch den Slum führte mir Japan von einer ganz anderen Seite vor Augen: Obdachlose auf den Straßen, Graffiti (X: „This is a area“), finstere Blicke – der ein oder andere Yakuza. Und alle grüßten X.

Das gab mir dann doch zu denken. Als ich ihn fragte, was genau er in Ōsaka eigentlich tue, antwortete er sehr, sehr deutlich – und legal ist das mit Sicherheit nicht.

Dann ging es in den Rotlichtbezirk. In Japan ist Prostitution illegal. Die Erklärung dazu? „The sell beer. Very, very expensive beer.“ Kommt man an einer Prostituierten vorbei, spreizen viele die Beine und ziehen mit den Fingern das Höschen zur Seite. Laut X würde das bei „normalen“ gaijin nicht passieren: „But you are here with me.“

Zugegeben: Zu dem Zeitpunkt war mir sehr, sehr mulmig – es war klar, dass ich es hier mit jemandem zu tun hatte, der mindestens Beziehungen zu der „edlen Gesellschaft“ unterhält. Nachdem X auf dem Handy angerufen wurde und ich nur einige Bruchstücke wie „doitsu-jin“ (=“Deutscher“) verstand, fragte er „Are you hungry? You are invited to dinner“

Ich war längst darüber hinaus zu fragen oder gar abzulehnen. Und so ging ich mit. Von X wurde ich in einen kleinen Okonomiaki-Laden geführt. Hier wurden wir von drei fast vollständig tätowierten, jungen Männern empfangen. Gemeinsam aßen wir Mittag und zahlten nichts.

Hier musste ich X auch versprechen, keine Namen zu nennen und keine Orte zu beschreiben, wenn ich von dem Tag berichte.

Nach dem Essen führte X mich zum Ausgang des Slums und fragte beiläufig, ob mir etwas aufgefallen sei. War es tatsächlich: Die Graffiti waren weg. Seine Erklärung dazu: „Because this is an even tougher area – and I don’t like graffiti.“

X erklärte mir den Weg zurück nach Namba und verabschiedete sich. Ich bin ganz ehrlich: Das Erlebnis sitzt mir irgendwie in den Knochen – und zwar auf positive und negative Weise.

Wer mehr zu dem Slum wissen will, liest den Wikipediaartikel und das hier: https://libcom.org/library/1990-worker-insurgency-osaka

Zwischen schwulen Sexkinos und getragenen Höschen

Sex, das hatte ich bereits erwähnt, gehört in Japan zur Gesellschaft dazu. Aber auf sehr … merkwürdige Weise (jedenfalls aus meiner Sicht).

Sexkino in Namba
Sexkino in Namba

Namba war vor ca. 50 Jahren der Technikbereich der Stadt, dann wurde es der Pornobereich und mit dem Aufkommen des Internet wurde es der Mangabereich. Das sorgt dafür, dass man jetzt eine bemerkenswerte Mischung aus hetero und gay Clubs, Kinos und Shops, Technikläden und Mangaketten hat.

Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel ...
Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel …

Ich musste zu Fuß hier entlang – X hatte mir extra diesen Weg gewiesen, weil er ihn für interessant hielt. Ein Glück, kann ich nur sagen. Es gab viel zu sehen und vor allem einen Einblick (und ich glaube, dass das nur die Spitze des Eisberges war) in das, was es in Japan eben auch gibt.

In einem siebenstöckigen(!) Sexshop gibt es ein komplettes Geschoss mit nichts außer Fäkalienpornos und Zubehör für diese Spielart.

Ich finde das krank: Kindersexpuppen.
Ich finde das krank: Kindersexpuppen.

Dieses Geschäft erlaubt es mir nun auch, eine alte Legende aufzudecken. Lange haben wir darüber gerätselt: Getragene Höschen aus dem Automaten. Gibt es sie? Gibt es sie nicht? Der letzte Stand war: Alles Blödsinn – Urban Legend.

Mit Fug und Recht sage ich: Es gibt sie.

Höschen aus dem Automaten
Höschen aus dem Automaten

Für 500 Yen kann man ein Plastikbällchen mit einem (so jedenfalls behauptet es das Etikett) getragenem Höschen kaufen. Und ja, ich habe eines gekauft – die einhellige Meinung der Betto-Cho Crew ist: Könnte echt sein.

Pro Wrestling NOAH

Neben Tokyo gilt Ōsaka als der zweit wichtigste Wrestlingmarkt Japans. Wrestling ist in Japan ein kulturelles Gut und wird von vielen Menschen, vor allem Männern der oberen Einkommensschicht, besucht.

Colt Caban in Action
Colt Caban in Action

Insofern fand ich mich in der Halle zwischen einer ganzen Menge Anzugträgern wieder. Da ich mir natürlich das 8000 Yen Premiumticket gekauft hatte und im normalen Shirt da war, fiel ich doppelt auf.

Wrestlingshows in Japan sind extrem strange: Es ist die ganze Zeit ziemlich ruhig, dann flippen die Japaner kurz aus, dann ist es wieder ruhig. Spannend fand ich vor allem, dass die Ausraster vor allem bei Matchszenen vorkamen, die wenig spektakulär waren.

Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto
Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto

Die Show dauerte, inklusive Pause, gute 2 1/2 Stunden, was ich als normal bezeichnen würde. Die Stimmung war gut, aber nicht mit Deutschland zu vergleichen. In jedem Fall waren alle sehr freundlich zu mir – ich war tatsächlich der einzige gaijin, abgesehen von den Wrestlern.

Nach der Show habe ich mich noch fast 30 Minuten mit Colt Cabana und Chris Hero unterhalten. Ich glaube beide waren froh, dass jemand ihre Sprache spricht. Für mich war das ein perfekter Abschluss für einen geilen – und merkwürdigen – Tag. Cool war vor allem, dass Colt sich an einen Tweet erinnert hat, den ich vor zwei Tagen getwittert habe – darüber habe ich mich sehr gefreut.

Colt Cabana, ich, Chris Hero
Colt Cabana, ich, Chris Hero

4 Gedanken zu „Zwischen Gärten, Rotlicht, Wrestling und der Mafia“

  1. MAX! Alter! Da stockt einem ja beim Lesen der Atem! Mama und Papa haben uns doch beigebracht, dass wir nicht mit Fremden mitgehen sollen… Pass da ja auf Dich auf!!!
    Den Sex-Teil fand ich auch absolut strange – gerade das mit den Kinderpuppen ist einfach krank und widerlich!
    Und pfui, Bruderherz, pfui! Warum kaufst Du gebrauchte Unterwäsche?! Ist Dir Deine ausgegangen? Pfuiuiui ;P
    Ich freue mich, dass Du einen so tollen Tag hattest! :)

    P.S.: Ich glaub‘ Hannes ist n bisschen neidisch ;)

  2. Alter Schwede, was für ein abgefahrener Tag. Bist mein Abenteurer des Tages!

    PS: Der deutsche Mundschutz des einen Wrestlers scheint ihm ja nicht sonderlich viel Heil zu bringen, ho ho.

  3. Ja bißchen neidisch bin ich schon, war bestimmt cool :) Und Colt hat dich auch direkt erwähnt im Podcast diese Woche, also nach den Young Bucks, ziemlich cool.
    Aber pass schön auf dich auf da Max!

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