Der beste Tag …

… bisher war mit Sicherheit heute (30.9.).

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Die Türen sind nicht für mich gebaut …

Um zehn Uhr ging es, wie üblich, zum Unterricht am NCC – dieses Mal gekürzt, denn wir hatten eine sehr besondere Einladung. Ein Mönch des Myōshinji-Tempels, mit dem Herr Repp befreundet ist, hatte angeboten uns durch den Tempel zu führen.

Ein besonderes Ereignis, das nicht jeden Tag vorkommt – doch der Tag sollte noch einige Überraschungen mit sich bringen.

Innerer Gebetsraum der Mönche
Innerer Gebetsraum der Mönche

Zunächst wurden wir am Tempel in Empfang genommen und durch den Mönch (dessen Name mir leider entfallen ist) in seinem Privathaus begrüßt. Sein „Privathaus“ ist ein Privattempel, der seit gut 400 Jahren im Familienbesitz ist – so lange ist seine Familie ein Mönchsfamilie. Diese Tradition wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Neben der Küche und dem Speisesaal der Mönche, konnten wir auch einen Blick auf den inneren Gebetsraum werfen, der Besuchern eigentlich nicht zugänglich ist. Ein wahres Privileg.

In der Küche kann Reis für bis zu 500 Menschen gleichzeitig gekocht werden
In der Küche kann Reis für bis zu 500 Menschen gleichzeitig gekocht werden

Bei Tempelfesten kann in der Küche für etwa 500 Menschen zugleich Reis gekocht werden. Dazu werde Gemüse, Tofu, Früchte usw. gereicht – im Tempel isst man vegetarisch.

Von hier aus durften wir uns einer Führung anschließen und den mächtigen Drachen bewundern, der an die Decke des Hauptgebäudes gemalt ist.

Sehr interessant war es, den gigantischen Drachen einmal aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Der Stellungswechsel richtet viel aus und das Bild ändert sich. Mal bedrohlich, mal schützend – immer majestätisch. Kein Wunder, dass dieses Deckengemälde jedes Jahr viele Besucher anzieht.

Der mächtige Drache an der Tempeldecke
Der mächtige Drache an der Tempeldecke

Von hier aus ging es weiter zu einer Sauna – im Zen kann scheinbar auch dort meditiert werden. Die Sauna selbst, so wurde uns erklärt, ist eine Art Ahnenverehrung für einen Heerführer. Hier meditiert man schwitzend auf diesen Befehlshaber. Warum genau man damit in seinem persönlichen Streben weiterkommt habe ich aber nicht genau verstanden.

Nach der Führung durch die öffentlichen Teile des Tempels galt es, Herrn Repp zu suchen. Am vereinbarten Treffpunkt war er nicht zu finden. Kurzentschlossen drückten wir die Klingel, was einen Novizen herbei rief. Kurz darauf auch eine Nonne. Wir erklärten, wen wir suchten und wurden in die Quartiere der Mönche eingelassen.

Gruppenfoto mit Genshō Hōzumi-Roshi
Gruppenfoto mit Shunan-Roshi

Hier erlebten wir unsere erste Überraschung – urplötzlich standen wir vor Herrn Repp, dem Mönch und einem älteren Herrn in weiten, goldenen Gewändern. Ein wenig Verunsicherung auf allen Seiten, bis Herr Repp erklärte, wer wir sind – dann begrüßte uns der ältere Herr freundlich, bat uns Stühle an, die der Novize eiligst herbei brachte. Ebenso gab es Gebäck und Tee. Dann folgte die Erklärung: Wir hatten die große Ehre mit einem der wichtigsten und bekanntesten, international agierenden, Zengroßmeister Tee zu trinken. Shunan-Roshi hatte einige freundliche Worte für uns übrig, lachte viel und erzählte von einigen Aufenthalten in Deutschland. Sein Rat für uns beim Abschied: „Be genki“ – „Seid gut drauf.“

Bell of Nanbanjin

Nach diesem wirklich tollen Gespräch ging es weiter durch den Tempel.

Im Shunkoin-Tempel, einem Untertempel des Myōshinji zeigte man uns die Bell of Nanbanji – die älteste, christliche Glocke Japans. Diese Glocke wurden von den Jesuiten während der ersten Mission nach Japan gebracht und gehörte zur ersten christlichen Kirche Kyōtos.

Von hier aus wurden wir zur Wohnung – dem Privattempel des Mönchs – geführt. 400 Jahre Familienbesitz sammeln so einige Kunstschätze. Viele Originale hat die japanische Regierung zu Staatseigentum erklärt und durch Reproduktionen ersetzt – die Originale in Museen verbracht.

Handbemalte Wand
Handbemalte Wand

Nach einer ausgiebigen Führung, vorbei an bemalten Papierwänden, einem privaten Gebetsraum und so manchen anderen Dingen, die kaum ein Besucher je zu Gesicht bekommen dürfte, folgte die zweite, große Überraschung des Tage.

Völlig unerwartet standen wir plötzlich in einem großen, mit Tatamimatten ausgelegten Raum. Die Papiertüren geöffnet, mit Blick auf den Garten in der Dämmerung standen hier mehrere Tische zum Rechteck gestellt.

Essen im Tempel
Essen im Tempel

Wir wurden gebeten, Platz zu nehmen – nach einer kurzen Ansprache, die Herr Repp übersetzte und in der wir herzlich willkommen geheißen wurden, aßen wir gemeinsam mit dem Mönch ein wahres Festessen: Sieben Gänge (wenn ich mich nicht verzählt habe) wurden uns serviert – dazu gab es Saft, Bier und Sake. Freundliche, deutsch-japanische Gespräche und jede Menge Speisen zu entdecken, die ich noch nie vorher gegessen habe. Die Kerne des Ginkobaums, Nüsse, Avocadocreme, japanisches Gebäck und vieles mehr.

Während der Teezeremonie
Während der Teezeremonie

Zum Abschluss wurde im Rahmen einer kleinen Teezeremonie grüner Tee gereicht. Die Teezeremonie wird klassischerweise von den Frauen der Mönche geleitet, die dafür ausgebildet sind.

Nach ausgiebigem Dank, vielen freundlichen Worten und einem Abschiedsgruß, ging es mit den Fahrrädern wieder zurück in Richtung Innenstadt.

Kanpai!
Kanpai!

Für mich war hier aber für heute noch nicht Schluss. peter-tvm hatte zum Geocaching-Event GC5BE06QTrJ14 part 7 – Kyoto / Okonomiyaki dinner geladen.  Da musste ich natürlich hin und traf auf eine Gruppe von sieben anderen Cachern. Der Abend war rundherum gelungen und hat mir viel Freude gemacht.

Endlich mal Leute kennenlernen, die in Kyoto leben und, die nicht mit der Uni zu tun haben. Dazu eine junge Frau aus Hong Kong, den Gastgeber aus Schweden … wunderbar.

Nach dem Event ging es dann noch gemeinsam zu der ein oder anderen Dose – ein Spaziergang, der nach dem vielen Essen sehr gut tat.

Großer Dank gebührt dem Cacher imadegawa, der mir mit der U-Bahn half und mich letztlich sogar zu sich nach Hause zum Tee einlud und mich dann zum Fahrrad brachte.

Vollgepumpt mit Endorphinen ging es dann zurück gen Betto-Cho.

Sollte es bis hier noch Zweifel gegeben haben, so sind diese für mich dahin. Nach Japan zu gehen war eine gute, eine wichtige und richtige Entscheidung. Ich merke, wie sich mein Blick auf so manche Selbstverständlichkeit daheim verändert und wie man über das ein oder andere ins Grübeln gerät.

Die Zeit in Japan beginnt mich zu berühren und das, soviel ist sicher, ist ein großer Schatz. Bedenkt man, dass ich erst seit zwei Wochen hier bin, dann ist das ein großer Schritt. Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass der Interkulturelle und der Interreligiöse Dialog unglaublich wichtig sind, wenn wir unseren eigenen Horizont, sei es weltlich oder geistlich, erweitern wollen.

5 Gedanken zu „Der beste Tag …“

  1. Schön zu hören, dass es dir so gut gefällt und dich weiterbringt in mehr als nur Uni/Beruf.
    Natürlich haben alle gesagt „Ja, mach das. Wann, wenn nicht jetzt. Das wird super!“ ohne zu wissen,was das eigentlich bedeutet. Dabei wirst du sicher am besten wissen, was es wirklich bedeutet und dir dessen auch noch bewusster werden…..

  2. Dass du bereits nach zwei Wochen alle Zweifel durch positive Erfahrungen ausgemerzt hast, ist tatsächlich nicht selbstverständlich. Glaube mir, das kann auch anders laufen! Die Grübeleien die sich bereits in dir regen und die kulturellen Erfahrungen sind aber noch weniger selbstverständlich, und dadurch, wie du selbst schon schreibst, ein großer Schatz! Freut mich riesig! :-)

  3. Ein toller und berührender Eintrag! Tolle Bilder, tolle Menschen, tolle Erfahrungen!
    Ich freue mich, dass Du so nett aufgenommen wirst und jetzt sogar „Dein eigenes Programm“ machst. Das sind natürlich nochmal ganz andere und ebenso wertvolle Erfahrungen wie all‘ die anderen. Find‘ ich super, dass Du Dich das auch traust und keine Berührungsängste hast.
    Außerdem bin ich sehr erleichtert, dass Du schon jetzt weißt, dass es eine gute und vor allem die richtige Entscheidung war, dieses Abenteuer zu wagen! Ich gehe heute also ebenfalls endorphingeladen ins Bett :)

  4. Hey Max,
    wirklich ein sehr schöner Beitrag und ich freue mich auch sehr, dass du so einen tollen und beeindruckenden Tag hattest. Es ist ja wirklich unglaublich viel passiert, super! Ich muss auch sagen, dass ich mich sehr freue, dass man dir auf den Fotos ansieht wie fröhlich und glücklich du bist. Du bist auf diesen Bildern der einzige eurer Gruppe, der so aussieht als wäre er mit voller Leidenschaft dabei und es freut mich unglaublich, dass diese Erfahrung dir soviel zurück zu geben scheint!
    Dein Hannes

  5. Hallo Max,

    ab und zu verfolge ich auf Facebook, was du so treibst. Für mich klingt es interessant und spannend! Saufen mit den Zen-Mönchen… ;)

    Liebe Grüße
    Steffen

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