Hippieparty in Go(m)a

Bei unserem letzten Treffen mit Detlef Schauwecker erzählte er uns von einem Handwerkerfest, das bald in seinem Café stattfinden würde. Er lud uns ein, die Nacht im Dorf Goma zu verbringen. Die Betto-Cho-Crew nahm das Angebot an. Und es war super.

Durch die Nacht auf dem LKW
Durch die Nacht auf dem LKW

Goma liegt etwa eine Stunde mit der Bahn von Kyoto entfernt. Im Dorf kennt tatsächlich jeder Schauwecker-san. Genauso, wie das ドイツ-Café. Detlef holte uns mit seinem Mini-LKW vom Bahnhof ab und auf der Ladefläche ging es zu seinem Café und Wohnhaus.

Von Detlef gab es ein sehr leckeres Abendbrot (mit selbst gebackenem Brot – Brot kann so gut schmecken …). Detlefs anderes Auto musste abgeholt werden und so war ich nach kürzester Zeit Autofahrer in

Wrooom!
Wrooom!

Japan – auch, wenn mein Führerschein hier nicht gilt. Auf dem Land in Japan ist es so, wie in Dörfern in Deutschland vor 30 Jahren: Man kann über alles reden.

Das war für uns dann auch ein großes Glück bei dem, was Detlef als Abendprogramm geplant hatte: Nahe Goma gibt es ein Onsen, ein heißes Quellenbad.

Tattooed Gaijin
Tattooed Gaijin

Diese Bäder sind in der Regel öffentliche Einrichtungen und unterliegen dem Tattooverbot. Deutliche Schilder ca. alle fünf Meter weisen auf Englisch und Japanisch darauf hin. Glücklicherweise kennen – wie gesagt – alle Schauwecker-san. Und so wurde ich kurzerhand sein Vetter aus Deutschland und, nachdem man mir das Versprechen abnahm, mich mit einem Handtuch zu bedecken, solange ich nicht in den Bädern sei, mache man eine Ausnahme.

Das Onsen war unglaublich: Das heiße Quellenwasser ist sehr salzig und erinnert stark an die Sole in Lüneburg. Besonders angetan hat es mir ein Becken, das nur etwa eine Handbreit mit Wasser gefüllt ist. Man liegt auf dem Rücken und nur die untere Körperhälfte ist im heißen Wasser. Der Naturstein ist so warm, dass man nicht friert – einfach angenehm.

Nach knapp zwei Stunden ging es zurück nach Goma, wo es einen deftigen Gemüseeintopf mit Brot und Apfelkuchen als Nachtmahl gab.

In einem – etwas unordentlichen – Wohnzimmer schlugen wir unser Nachtlager neben einer brennenden Öllampe auf. Japan ist, was Heizungen angeht, recht bodenständig. Insofern schlief ich in der Kälte mit einer wunderbaren Wollmütze auf dem Kopf.

Nach dem Aufstehen hatte sich der Hof bereits in ein recht buntes Treiben verwandelt. Detlef und seine Frau hatten schon begonnen, aufzubauen. Nach einem schnellen Frühstück halfen wir beim Aufbau.

Der Handwerkermarkt war wirklich toll. Die Gäste waren sehr interessiert daran, mit uns zu reden und uns zu zeigen, was sie haben. Es war sehr nett und irgendwie gehörten wir, weil wir zu Schauwecker-san gehörten, „dazu“. So öffneten sich die Japaner etwas mehr – wir durften mit den Kindern spielen, die die Gaijin mit großen Augen anstarrten. Es gab japanische Hausmannskost, viel Kunsthandwerk und unendlich nette Gespräche. Die Fahrt nach Goma hat sich mehr als gelohnt.

Unter großem Hallo durften „die deutschen Männer“, dann beim traditionellen Reisschlagen für den Mochiteig mithelfen. Das passiert mit einem gigantischen Hammer: Der Reis wird so lange geschlagen, bis er eine feste, klebrige Masse ergibt. Dann formen die Frauen die Mochi und servieren sie sofort in der noch warmen Rote-Bohnen-Soße. Köstlich.

Auch sonst gab es eine ganze Menge zu sehen. Besonders angetan haben es mir die aus Papier gefalteten Fische, von denen ich mir ein Mobile gekauft habe.

Das Haus von Schauwecker-san
Das Haus von Schauwecker-san

Gegen Nachmittag machten wir uns dann, satt und glücklich, auf den Weg zum Bahnhof. Der Weg durch die Reisfelder war reichlich kitschig – aber reichlich schön.

Die Tour nach Goma war ein großartiges Erlebnis. So nah mit Japanern in Kontakt zu kommen, ist nicht ganz einfach. Bei diesem Fest aber, konnte man sehen, wie herzlich die Japaner sind, wenn man „dazu gehört“. Das, was Prof. Knecht uns sonst nur dozierte, konnten wir hier aus erster Hand erleben. Unsere Zugehörigkeit zu Schauwecker-san hat uns ermöglicht, in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Abgesehen von den Japanern machte noch jemand ganz anderes Urlaub und entspannte von seinen fordernden Pflichten. Beim Angeln konnte Lord Vader sich vom Kampf gegen die Rebellen erholen.

"I find your lack of bait disturbing."
„I find your lack of bait disturbing.“

Drei Knaller

Mir fällt einfach kein besserer Titel ein, als das – man mag das der heutigen Müdgkeit zuschreiben. Egal.

Die vergangen Tage haben drei wirklich tolle Erlebnisse, die ich persönlich als „Knaller“ bezeichnen würde, mit sich gebracht.

Tanuki-dani

Gemeinsam mit dem Sinologen Detlev Köhn, der auch für unseren Japanischunterricht zuständig ist, haben wir in den vergangenen Wochen immer wieder Fieldtrips gemacht. Als besonderes Bonbon hat Detlev sich für unsere letzte Tour den Tanuki-dani aufgespart.

Ein Tanuki voller Moos - gruselig
Ein Tanuki voller Moos – gruselig

Tanuki, oder Maderhunde, gelten in Japan als Glücksfiguren und werden – warum auch immer – mit einem gewaltigen Hoden dargestellt. Der Tanuki-dani ist gewissermaßen die „Ruhestätte“ der Tanuki, die überall vor Läden oder Häusern stehen. Tanuki, die ihr Glück gebracht haben, werde hierher gebracht.

Torii säumen die Stufen
Torii säumen die Stufen

Die Anlage liegt wirklich wunderschön in den Bergen und erstreckt sich ein ganzes Stück den Berg hinauf. Man durchquert einen Schrein, dessen dutzende Torii die Stufen säumen. Sehr atmosphärisch und wirklich ein „anderer“ Ort. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt.

Im eigentlichen Schrein-/Tempelbereich findet sich ein Unterschrein für den Toilettenkami (kein Scheiß – ba dum tss). Diese Gottheit soll den Stuhlgang schützen und es gibt Aufkleber zu kaufen, die man an seiner WC Türe anbringen kann. Reichlich skurril, aber es zeigt deutlich, dass es für alles einen Kami gibt.

Der Besuch ging aber großartig weiter: Detlev erklärte unter anderem, dass es hier eine Stelle gibt, an der während Zeremonien unter einem Wasserfall geduscht wird. Und, was soll ich sagen: Das ist seit Jahren ein Traum von mir.

So wie Gott mich schuf
So wie Gott mich schuf

Ziemlich kurz entschlossen fielen alle Hüllen und ich stand unter dem Wasserfall. Ein wenig vollgepumpt mit Adrenalin – immerhin konnte jederzeit jemand auftauchen – genoss ich diesen Moment wirklich sehr. So nah mit der Natur und „allem“ habe ich mich noch nie verbunden gefühlt. Ein großartiges Erlebnis.

Es ging den Berg weiter hinauf. Hier sahen wir dann etwas, was mich wirklich nachhaltig bewegt.

Jizō, umgeben von Windrädern für tote Kinder
Jizō, umgeben von Windrädern für tote Kinder

Von Jizō habe ich schon einmal berichtet. Zusammengefasst: Jizō ist ein Heiliger, dessen Aufgabe ist es, die Toten über einen Fluss zu bringen, von wo aus sie ins Jenseits gelangen können. Vor allem gilt er als Schutzheiliger für abgetriebene oder totgeborene Kinder.

hunderte Jizō
hunderte Jizō

Jedes der Windräder steht für ein Kind, welches „auf dem Wege ist, den Fluss zu überschreiten“, also für ein totes Kind.

Auf den Tafeln stehen die Namen von Kindern, erst wenn diese durch Regen und Witterung abgewaschen sind, hat die Seele des toten Kindes den Weg sicher über den Fluss geschafft.

Besonders traurig gemacht hat mich ein älteres Ehepaar. Der Mann betete weinend vor der großen Jizōfigur und entzündete eine Kerze und Räucherstäbchen. Ein traurige, besondere Atmosphäre.

Der Blick den Berg hinab
Der Blick den Berg hinab

Nach dem Aufstieg zum Tempel und einer Pause, entschlossen sich Julius und ich auch noch einen Pilgerweg, der „in den Berg“ führt zu gehen. Vorbei an 36 Heiligenfiguren führt dieser Pfad (und Weg wäre wirklich zuviel gesagt) über Stock und Stein.

Auf dem Pilgerpfad
Auf dem Pilgerpfad

Belohnt wurden wir nicht nur mit einem tollen Blick, sondern schließlich auch mit dem Abstieg durch einen Bachlauf (inklusive nasser Füße), zwei Runinen, einer herrlichen Stille und einer Atmosphäre, die mich einmal mehr verstehen lässt, warum im Shintō die Idee der Powerspots und der Kami existiert. Irgendetwas – ich würde es Gott nennen – spürt man in diesen Augenblicken.

der verfallene Schrein
der verfallene Schrein

Als Abschluss der grandiosen Tour fanden wir einen verlassenen und verfallenen Schrein für den, so vermuten wir, Bergkami. Eine wirklich tolle Tour durch den Berg.

Im alten Schrein - erschöpft aber glücklich
Im alten Schrein – erschöpft aber glücklich

Happy Birthday!

Und ja … ich hatte Geburtstag. Nach japanischem Verständnis bin ich 29 geworden, nach unserer „Zeitrechnung“ 28. Wie man es auch dreht und wendet: Ich bin ein Greis.

Die Betto-Cho Crew hat mir einen wirklich schönen Tag bereitet und am Abend ging es mit Teramoto-sensei und Hibiki, einem Schüler von Teramoto-sensei, mit dem wir zusammen Buddhist Text Reading haben, zur カラオケ. Ein sehr toller Abend, inklusive dem Irish Pub Abschluss „My Way“ – Heimat in der Fremde. Ein toller Tag. Danke!

カラオケ!
カラオケ!

 

Sanzen-in

Der dritte Hammer war dann heute unsere Tour mit Prof. Schauwecker die Tour zum Sanzen-in. Detlef Schauwecker lebt seit etwa 40 Jahren in Japan und hat mit uns eine Veranstaltung zur japanischen Kulturgeschichte gehabt. Seit der Abreise von Prof. Repp ist er gewissermaßen für uns zuständig.

Gemeinsam mit Somon Horisawa und Detlef Schauwecker
Gemeinsam mit Somon Horisawa und Detlef Schauwecker

Detlef hatte für uns ein Treffen mit dem Abt von Sanzen-in arrangiert. Und so hatten wir heute Gelegenheit, eine gute Stunde mit Somon Horisawa zu sprechen und Fragen zu Tendai zu stellen.

Nach dem sehr freundschaftlichen und netten Gespräch blieb noch ein wenig Zeit, den Tempel selbst und vor allem den Garten zu besichtigen.

Der Zeitpunkt war gut: Sonnenuntergang in einem Bergtempel:

Sonnenuntergang im Sanzen-in
Sonnenuntergang im Sanzen-in

Ein Tag in Ise

Ise-jinja

Der Ise-jinja ist der wichtigste Schrein Japans. Als Heiligtum der Kaiserfamilie kommt ihm eine besondere Bedeutung zu. Durch die gewaltige Anlage führte uns, einmal mehr, Prof. Knecht.

Alle Gebäude werden abgebaut und einige Meter weiter neu errichtet.
Alle Gebäude werden abgebaut und einige Meter weiter neu errichtet.
Das Heiligtum wird während der "leeren Phase" durch eine kleine Hütte geschützt
Das Heiligtum wird während der „leeren Phase“ durch eine kleine Hütte geschützt

Unterteilt ist der Schrein in den „Inneren Schrein“ und den „Äußeren Schrein“, einzigartig an diesen Schreinen ist vor allem, dass sie alle 20 Jahre „umziehen“.

Der Eingang des Inneren Schreins
Der Eingang des Inneren Schreins

Umziehen ist hierbei wörtlich zu nehmen: Der gesamte Schrein wird demontiert. Das Holz wird an Schreine in ganz Japan verschickt und ein neuer Schrein, der den Vorgängern zu 100% gleich ist, an einem Platz neben dem vorherigen Standort neu errichtet. Ein Museum widmet sich dem letzten Umzug, der laut Herrn Knecht 2013 stattgefunden hat.

Der Äußere Schrein und der Innere Schrein sind hierbei gleichberechtigt: Beide Schreine ziehen um.

Der Fluss wird zur Reinigung genutzt
Der Fluss wird zur Reinigung genutzt

Durch den Inneren Schrein zieht sich ein Fluss. Der Legende nach hat die Göttin Amaterasu hier durch den Kami des Flusses einen geeigneten Platz für sich entdeckt und ihm daher gestattet, zu bleiben. Der Fluss wird heute von vielen Besuchern des Schreins als Ort zur rituellen Reinigung genutzt.

Vom Fluss aus ging es für uns zur „Wilden Göttin“, einer alternierenden Darstellung Amaterasus. Viele Götter haben verschiedene Formen, in denen sie sich den Menschen zeigen. Auch diese Unterschreine sind in Ise von den Umzügen betroffen.

Besonders eindrucksvoll habe ich hier den Aufbau des Schreins für die wilde Form Amaterasus.

Tod und Leben
Tod und Leben

Der Aufbau des Schreins und der, des anderen Standortes ist sinnbildlich für Leben und Tod. Der permanente Wechsel des Schreinstandortes, sowie der Materialien des Schreins sind symbolhaft für den Zusammenhang von Leben und Tod. Der Fokus liegt aber, anders als im Buddhismus, auf dem Leben.

Wenn man im Nieselregen vor diesem Gebäude steht, ist das ein unbeschreibliches Gefühl.

Straßenfest

Nach dem Besuch im Ise-jinja haben wir den Ort selbst erkundet. Ich hatte dabei ziemliches Glück: Nachdem ich mich entschieden hatte, alleine durch den Ort zu gehen, hörte ich Musik. Mitten in Ise war an diesem Tag ein großes Straßen- und Musikfest. Es gab traditionelle Musik, Tanz und Theater. Lokale Delikatessen und Handwerkskunst.

Der Krache war es dann, dass ich auf die Bühne geholt wurde und auf einer Taiko trommeln durfte.

Bei der Aufführung danach handelte es sich um ein Tanztheaterstück. Eine ältere Japanerin neben mir sprach mich auf Englisch an. Es stellte sich heraus, dass sie mit einem GI verheiratet war und ziemlich gutes Englisch sprach. Sie hat mir das Theaterstück erklärt, was ziemlich toll war.

夫婦岩 – Meoto-Iwa

DSCI1997
夫婦岩

Nach dem Besuch in Ise ging es mit dem Bus zu den Meoto-Iwa, den „Verheirateten Felsen“. Die sind zwar viel kleiner, als ich erwartet hatte, aber trotzdem beeindruckend.

Das Heiligtum und der Schrein sind dafür gedacht, eine gute und glückliche Ehe zu führen. In der Vorbereitung auf nächstes Jahr natürlich ein besonders schöner Ort.

Das Shimenawa (das Seil, welches beide Felsen verbindet) symbolisiert die Vereinigung und Verbindung von Mann und Frau. Dabei ist sowohl die Ehe, die Hochzeitsnacht, als auch die sexuelle Vereinigung gemeint. Sexualität wird im Shintō übrigens als wichtiger Bestandteil und als Abwehr gegen böse Geister verstanden.

Das Symbol des Schreins ist eine Schildkröte, da der Felsen neben dem Ehemannfelsen an eine Schildkröte erinnert.

Vor dem "Ehemannfelsen"
Vor dem „Ehemannfelsen“ | links: Der Felsen mit der Schildkröte

Ein Besuch bei Ōmoto

Ōmoto – ein Begriff, der in Europa vermutlich so gut wie niemandem etwas sagt. Gleiches gilt vermutlich für den Terminus Shinshūkyō, der für japanische Neureligionen verwendet wird.

Unter Shinshūkyō versteht man vor allem religiöse Gruppen, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet haben; der Wikipediaartikel erklärt Shinshūkyō recht gut.

Ōmoto ist eine solche „Neureligion“. 1892 wurde sie von DEGUCHI Nao gegründet. Der Gründungslegende nach habe sich der Analphabetin Nao ein Geist offenbart, sich ihrer bemächtigt und durch sie das so genannte Ofudsaki („Spitze des Pinsels“) geschrieben. Diese fast 200.000 Seiten umfassende Schrift gilt als „heilige Schrift“ Ōmotos.

Die Anhänger Ōmotos glauben an den „true god“, der sich selbst als Ushitora no Konjin bezeichnet habe. Gleichzeitig vertritt Ōmoto aber auch die Ansicht, dass Götter von „good religions“ im Prinzip nur andere Facetten von Ushitora no Konjin seien.

Ōmoto setzt sich sehr intensiv für den interreligiösen Dialog und Friedensarbeit ein.

Soviel vorweg.

Am vergangenen Wochenende waren wir bei der Gruppe zu Gast. Am Sonntag konnten wir als Ehrengäste an einem der großen vier Feste des Jahres teilnehmen. Außerdem trafen wir – reichlich unvorbereitet – die spirituelle Führerin Ōmotos, DEGUCHI Kurenai.

Zeremonie bei Ōmoto
Zeremonie bei Ōmoto

Die Zeremonie selbst ist ein Herbstfest, das man wohl am ehesten mit Erntedank vergleichen könnte. Bei der Shintozeremonie werden Texte rezitiert, Priester halten Riten ab etc. Freundlicherweise hatten wir eine gute Betreuung vor Ort und haben alles auf Englisch bekommen.

Interview
Interview

Nach der Zeremonie wurden wir auf dem Gelände herumgeführt, konnten uns verschiedene Sachen anschauen und man bat mich, ein Interview zu geben. Der Tonus war ab hier reichlich merkwürdig und befremdlich. Insofern habe ich in dem Interview so vage wie möglich geantwortet.

Zu Gast war außer uns auch noch eine Gruppe aus der Mongolei. Gemeinsam mit der Gruppe und einigen Mitarbeitern von Ōmoto war am Abend dann Partytime angesagt. Und ab da wurde es aus meiner Sicht wirklich strange.

Die Japaner haben sich massiv betrunken und es war an viele Stellen sehr unangenehm. Zwar war die Party an sich ganz nett, da wir mit den Mongolen wirklich nett ins Gespräch gekommen sind, aber eben auch extrem merkwürdig. Den ganzen Abend über habe ich mich sehr unangenehm gefühlt. Irgendwann wurden dann Lieder aus der Mongolei, Japan und Deutschland gesungen, was zu Beginn nett war.

Zum Ende der Party wurde jeder aufgefordert zu sagen, was er_sie an Ōmoto gut findet. Vorher war kein Rauskommen möglich.

Der zweite Tag  war für uns mit Seminaren zu Ōmotos Weltsicht geprägt. Allerdings auf eine Art und Weise, die mir nicht schmeckte.

Das erste Seminar befasste sich mit dem Lehren Ōmotos. Das ist im Wesentlichen ganz interessant, problematisch finde ich es nur, wenn der Dozent, sobald kritische Fragen kommen, geht.

Ein Beispiel, was ich besonders absurd finde, möchte ich hier vorstellen. Der Referent, Rev. Takeda gab folgendes Beispiel:

Einem Paar wird ein Kind geboren. Die Familie misshandelt das Kind stetig und schließlich verstirbt das Kind als direkte Folge der Misshandlungen. Nach dem Glauben von Ōmoto, so erklärte Rev. Takeda, habe das Kind seine Geburt in diese Familie und damit die Misshandlungen vor seiner Geburt selbst gewählt, um den Eltern zu zeigen, dass Misshandlung schlecht sei. Wörtlich:

„Hell is made by the child itself.“

Im Vortrag kamen auch andere Sätze vor, bei denen sich mir die Fußnägel aufrollten:

„You have to become a warm and light person so everybody likes you.“

„The world is a big themepark or Disneyland.“

„This world is kind of paradise.“

Gemeinsam mit der Gruppe aus der Mongolei und Mitarbeitern von Omoto
Gemeinsam mit der Gruppe aus der Mongolei und Mitarbeitern von Omoto

Die Texte, für den Vortrag benutzt wurden, sind nur in sehr kurzen Auszügen vorgekommen; kritische Stellen in Teilen der wichtigsten Texte Ōmotos, wie: „[…] There is only one sun in the world. With seven or eight kings, the world will always be in turmoil. Therefore, I [Ushitora – Anm. von mir] have set in motion my plan to rule the world with one divine king. […]“ (Sources of Japanese Traditions, Volume two 1600-2000, compiled by Wm. Theodore de Bar et. al) wurden schlicht übergangen und nicht angesprochen.

Der zweite Vortrag widmete sich der Friedensarbeit von Ōmoto zwischen Israel und Palästina. Man hat dafür eigens eine NGO gegründet, die aber direkt Ōmoto untersteht. Unsere Fragen dahingehend wurden nicht wirklich beantwortet.

Auch diverse, unkommentierte und reichlich pathetische, Imagefilme, die man uns völlig unkommentiert zeigte, verstärkten meinen Eindruck, dass hier nicht wirklich auf Dialog gesetzt wurde. Alles in allem hat Ōmoto wenig Mühe gescheut, sich um uns zu kümmern. Ein Bus, freie Kost und Logis, permanente Betreuung durch Medienprofis, einen Fotografen und stellenweise ein Kamerateam sind mir dafür ausreichender Beleg.

Es gibt Gründe für Ōmotos Mühen. Trotz der unangenehmen Situationen, in die wir bisweilen gekommen sind, bin ich sehr froh, dort gewesen zu sein. Nur so kann man sich ein Urteil bilden und fundiert sprechen. Auch innerhalb unserer Gruppe hat der Besuch bei Ōmoto zu reichliche Diskussion geführt, was interessant und anregend war.

Im Nachhinein finde ich es noch recht bezeichnend, dass das Foto, auf dem wir mit der Spirituellen Führerin abgebildet sind, von Ōmoto nicht freigegeben und uns daher auch nicht geschickt wurde. Man hat eben doch gern alles unter Kontrolle.