Viele Kleinigkeiten

Dieser Artikel ist gewissermaßen ein kleiner „Übersichtsartikel“, über diverse Erlebnisse der vergangenen Tage.

Artikel in der AZ Uelzen

In der Allgemeinen Zeitung Uelzen ist Anfang Oktober ein Artikel erschienen, der über meine Zeit in Japan berichtet. Ich habe per eMail ein Interview gegeben.

Allgemeine Zeitung Uelzen, 2. Oktober 2014
Allgemeine Zeitung Uelzen, 2. Oktober 2014 – klicken zum Vergrößern

Kiyomizu-dera

Professor Peter Knecht
Professor Peter Knecht

Professor Knecht ist der Dozent für Folk Religion. Seit mehr als 40 Jahren betreibt er Feldforschung in einem Dorf in Japan – er kann also sehr authentisch berichten. Fieldtrips mit Prof. Knecht sind etwas sehr besonderes, da er sehr lebendig erzählt und sich für nichts zu schade ist.

Der Kiyomizu-dera steht auf gigantischen Stelzen
Der Kiyomizu-dera steht auf gigantischen Stelzen

Der Trip zum Kiyomizu-dera  (Tempel des reinen Wassers) war vor allem interessant, da der Tempel auf riesigen Holzstelzen direkt am Hand eines Tales steht.

In diesem Tal hat man früher die Toten abgelegt und sie dem Lauf der Natur überlassen. Laut Professor Knecht wird es daher auch „Tal der Toten“ genannt.

Am Kiyomizu-dera gibt es auch ein Heiligtum, das einem weiblichen Buddha gewidmet ist. Es handelt sich dabei um einen völlig finsteren, unterirdischen Gang, durch den man sich mit Hilfe eines Seiles an der Wand bewegt. Am Ende des Ganges befindet sich ein Buchstabe in Sanskrit. Man berührt ihn für Kinderwünsche und einfache Geburten. Passenderweise wird dieses Heiligtum „Womb“ genannt.

Jishu Jinja

Famous Love Stone
Famous Love Stone

Der Jishuschrein auf dem Gelände des Kiyomizu-dera hat in Japan eine gewisse Popularität. Seit etwa 1300 Jahren gehen hier junge Menschen hin, um für einen Partner oder eine Partnerin zu bitten.

Im Schrein befinden sich zwei heilige Love Stones in etwa 18m Abstand. Wem es gelingt, mit geschlossenen Augen vom einen zum anderen zu gehen, wird schon bald Glück in der Liebe haben.

七五三-Fest

Bunter Schmuck für das 七五三-Fest
Bunter Schmuck für das 七五三-Fest

Shichi-Go-San (七五三) sind die Kanji für „sieben-fünf-drei“. Am 15. November wird dieses Fest in Japan überall gefeiert: drei und fünf Jahre alte Jungen und drei und sieben Jahre alte Mädchen werden Kimonos zum Schrein gebracht. Es gilt als Fest, bei dem das Heranwachsen der Kinder gefeiert und für selbiges gedankt wird.

Eltern bringen ihre Tochter zum Schrein
Eltern bringen ihre Tochter zum Schrein

Viele Eltern bringen Ende Oktober auch die Kinder zum Schrein, die nicht im entsprechenden Alter sind. Man kann Shichi-Go-San ganz gut als rites de passage bezeichnen. So wird es in Japan wohl auch verstanden. Laut einem unserer Dozenten gilt das Fest in etwa so viel wie die Taufe oder die Erstkommunion.

Meeting a Geisha …

Eine Geisha zu treffen ist nicht so einfach. Zwar gibt es in Gion einige, aber die Unterhalterinnen sind sehr, sehr fotoscheu. Ein Glück, dass wir nett sind und großes Glück hatten. So entstand dieses Foto:

Geisha, Max, Geisha
Geisha, Max, Geisha

Auf’m Amt

Auf'm Amt
Auf’m Amt

Die japanischen Ämter haben den Ruf so voller Bürokratie zu sein, dass sie komplett gelähmt sind. Es versprach also ein interessantes Unterfangen zu werden, die Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen.

Wunderbarerweise sprach der Sachbearbeiter im Immigration Office ausgezeichnetes Englisch. 4000 Yen (die man in Form einer Briefmarke zu bezahlen hat – japanische Beamte dürfen kein Geld annehmen) und 20 Minuten später erlaubte man mir per Aufkleber einen Aufenthalt für insgesamt 180 Tage in Japan.

Applaus, Applaus …

Am 30.10. waren wir an der Ryūkoku-Universität eingeladen. Teramoto-sensei, unser Dozent für Buddhist Text reading, ist hier Professor. Er hatte gemeinsam mit anderen Dozenten eine interreligiöse Sondervorlesung organisiert, die von Studierenden der Ryūkoku gestaltet wurde.

Wir waren gewissermaßen besondere Gäste, wurden mit Applaus empfangen und zu unseren Ehren wurde eine Party gefeiert – sehr, sehr nett also.

Was den Abend sehr besonders machte war, dass Priester in der Ausbildung eigens für uns ein buddhistisches Ritual durchführte, bei dem ein Sutra rezitiert wurde. Aus Respekt davor habe ich hiervon keine Fotos gemacht, wohl aber den Gesang und die Musik als Audiodatei aufgezeichnet (was laut Teramoto-sensei in Ordnung ist).

Bei diesen Ritualen kommt man eigentlich als Nichtbuddhist nicht rein – insofern war es eine große Ehre für uns, teilnehmen zu dürfen. Eine Besonderheit im Jōdo-Shinshū ist es, dass die Gemeinde das Sutra mit rezitiert.

Rezitation:

 

Musik:

Jidai Matsuri und Kurama no Hi-Matsuri

Jidai Matsuri

Das Jidai-Matsuri (lose übersetzt „Zeitalterfestival“) ist ein jährlich wiederkehrendes Fest in Kyōto. Etwa 2500 Teilnehmer sind in einem langen Umzug vom Gosho (dem Kaiserpalast) zum Heianjinja unterwegs und stellen dabei verschiedene Zeitalter dar.

Ursprünglich wurde das Festival ins Leben gerufen, um die Stimmung in Kyōto zu verbessern. Es erinnert vor allem an die Verlegung des Kaisersitzes von Heian (so der ehemalige Name Kyōtos) nach Edo (heute Tōkyō).

Sitzplätze entlang der Route kosten etwa 2200 Yen, man kann aber wunderbar im Stehen zusehen oder – viel besser – im Gosho unterwegs sein und die Leute fotografieren, während sie sich vorbereiten.

Der Umzug hat insgesamt eine eher getragene Stimmung, zwar werden alle Gruppen angekündigt und beschrieben (ausschließlich auf Japanisch), aber ansonsten ist es still. Einzig die Kriegsflöten und einige andere Musikinstrumente sorgen für Musik, die – das empfand ich jedenfalls so – aber ebenfalls zu einer eher bedeckten Stimmung beiträgt.

Kurama no Hi-Matsuri

Das Feuerfestival in Kurama ist eines der bekanntesten Events der Region. Es findet ebenfalls am 22. Oktober statt, was – gewollt – dazu führt, dass viele Menschen beide Feste besuchen.

Gerade Kurama wurde uns sehr empfohlen – leider ist es touristisch dermaßen etabliert, dass man kaum eine Chance hat, dort etwas mitzubekommen.

Ich war etwas enttäuscht: Man wird von der Polizei durch die Stadt geleitet und ist permanent in Bewegung. Stehenbleiben ist nicht erlaubt und somit wird man eigentlich für frühes Kommen eher bestraft. Es hätte sich angeboten, in einem der Restaurants am Weg einen Tisch zu reservieren, denn diese Lokale haben in der Regel Terassen oder abgesperrte Bereiche für ihre Gäste. Das ist auch meine Empfehlung an jeden, der plant, das Kurama no Hi-Matsuri zu besuchen. Ansonsten ist es leider sehr unbefriedigend.

In einem youtube Video kann man sich einen ganz guten Eindruck verschaffen.

Zwischen Gärten, Rotlicht, Wrestling und der Mafia

Ōsaka – dahin führte mich mein Weg heute.

Osaka Station
Osaka Station

Ausschlaggebend war dafür vor allem der Hinweis meines Schwagers in Spe, Hannes. Der wies mich nämlich darauf hin, dass Colt Cabana im Rahmen der Global League Tour von Pro Wrestling NOAH in Japan unterwegs ist. Nach kurzer Recherche ergab sich: Die Tour hält in Osaka. Und das ist nur ca. 35 Minuten mit dem Zug entfernt.

Der Besuch in Ōsaka hatte es in sich – soviel sei schon mal vorweg verraten.

Floating Garden

Selfie in 173m Höhe? Done.
Selfie in 173m Höhe? Done.

In 173m Höhe kann man den „Floating Garden“ besuchen. Auf dem Umeda Sky Building, einem der Wahrzeichen Ōsakas, befindet sich eine architektonisch interessante Aussichtsplattform.

Für 700 Yen kann man mit einem gläsernen Aufzug hinauf fahren und die Skyline Ōsakas betrachten und in die Ferne schauen.

Umeda Sky Building
Umeda Sky Building

Am Fuß des Umeda Sky Buildings findet sich ein echter Garten, den ich sehr schön finde. Die „Reverse Falls“ sind eine witzige Idee, die in der Realität sehr viel cooler aussehen, als auf dem Bild.

Am Fuß des Gebäudes findet übrigens jährlich der „Deutsche Weihnachtsmarkt Ōsaka“ (inklusive Glühweintassen mit Beschriftung) statt.

Die Rolletreppe nach oben – vom 35. in den 39. Stock – ist übrigens auch ziemlich abgefahren.

„Luca Brasi liegt bei den Fischen …“

Dieses – nicht ganz richtige – Zitat aus „Der Pate“ führt mich zu einem der, mit Sicherheit, abgefahrensten und merkwürdigsten Erlebnisse meines Lebens. Vorab sei erwähnt: Ich wurde gebeten, weder Namen noch Plätze genauer zu nennen – Fotos gibt es auch nicht.

An der U-Bahnstation, von er aus ich nach Namba, dem alten Technikviertel Ōsakas, fahren wollte, war ich etwas ratlos, da ich die Station, zu der ich wollte auf dem Plakat nicht finden konnte. Ein anderer gaijin (Mitte 40, Anzug – im Folgenden einfach X) sprach mich auf Englisch an, ob er helfen könne. Er konnte und, da er in die gleiche Bahn und Richtung wollte, bot er sogar an, mich zum Gleis zu bringen.

In der Bahn unterhielten wir uns, ich berichtete, was ich in Ōsaka und Japan mache und, wohin ich wollte. Daraufhin verzog er das Gesicht und fragte mich, ob ich nicht mal nach Kamagasaki wolle. Nun muss man wissen, dass Kamagasaki der größte Slum Japans ist und man uns dringend davon abgeraten hat, dorthin zu gehen.

Neugierig war ich natürlich und da ich der Sohn eines rasenden Reporters bin und berufsbedingt der Ansicht bin, dass man a) manchmal Risiken eingehen muss und b) auf Menschen zugehen sollte, sagte ich – recht nervös – ja. Wir fuhren also mit der U-Bahn weiter und X führte mich durch den Slum. Auf meine Frage, warum er sich hier auskenne antwortete er nur „I own this place“.

Zu dem Zeitpunkt hielt ich das für einen Spruch.

Der Gang durch den Slum führte mir Japan von einer ganz anderen Seite vor Augen: Obdachlose auf den Straßen, Graffiti (X: „This is a area“), finstere Blicke – der ein oder andere Yakuza. Und alle grüßten X.

Das gab mir dann doch zu denken. Als ich ihn fragte, was genau er in Ōsaka eigentlich tue, antwortete er sehr, sehr deutlich – und legal ist das mit Sicherheit nicht.

Dann ging es in den Rotlichtbezirk. In Japan ist Prostitution illegal. Die Erklärung dazu? „The sell beer. Very, very expensive beer.“ Kommt man an einer Prostituierten vorbei, spreizen viele die Beine und ziehen mit den Fingern das Höschen zur Seite. Laut X würde das bei „normalen“ gaijin nicht passieren: „But you are here with me.“

Zugegeben: Zu dem Zeitpunkt war mir sehr, sehr mulmig – es war klar, dass ich es hier mit jemandem zu tun hatte, der mindestens Beziehungen zu der „edlen Gesellschaft“ unterhält. Nachdem X auf dem Handy angerufen wurde und ich nur einige Bruchstücke wie „doitsu-jin“ (=“Deutscher“) verstand, fragte er „Are you hungry? You are invited to dinner“

Ich war längst darüber hinaus zu fragen oder gar abzulehnen. Und so ging ich mit. Von X wurde ich in einen kleinen Okonomiaki-Laden geführt. Hier wurden wir von drei fast vollständig tätowierten, jungen Männern empfangen. Gemeinsam aßen wir Mittag und zahlten nichts.

Hier musste ich X auch versprechen, keine Namen zu nennen und keine Orte zu beschreiben, wenn ich von dem Tag berichte.

Nach dem Essen führte X mich zum Ausgang des Slums und fragte beiläufig, ob mir etwas aufgefallen sei. War es tatsächlich: Die Graffiti waren weg. Seine Erklärung dazu: „Because this is an even tougher area – and I don’t like graffiti.“

X erklärte mir den Weg zurück nach Namba und verabschiedete sich. Ich bin ganz ehrlich: Das Erlebnis sitzt mir irgendwie in den Knochen – und zwar auf positive und negative Weise.

Wer mehr zu dem Slum wissen will, liest den Wikipediaartikel und das hier: https://libcom.org/library/1990-worker-insurgency-osaka

Zwischen schwulen Sexkinos und getragenen Höschen

Sex, das hatte ich bereits erwähnt, gehört in Japan zur Gesellschaft dazu. Aber auf sehr … merkwürdige Weise (jedenfalls aus meiner Sicht).

Sexkino in Namba
Sexkino in Namba

Namba war vor ca. 50 Jahren der Technikbereich der Stadt, dann wurde es der Pornobereich und mit dem Aufkommen des Internet wurde es der Mangabereich. Das sorgt dafür, dass man jetzt eine bemerkenswerte Mischung aus hetero und gay Clubs, Kinos und Shops, Technikläden und Mangaketten hat.

Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel ...
Ein ganz normaler Mangaladen im Sexshopviertel …

Ich musste zu Fuß hier entlang – X hatte mir extra diesen Weg gewiesen, weil er ihn für interessant hielt. Ein Glück, kann ich nur sagen. Es gab viel zu sehen und vor allem einen Einblick (und ich glaube, dass das nur die Spitze des Eisberges war) in das, was es in Japan eben auch gibt.

In einem siebenstöckigen(!) Sexshop gibt es ein komplettes Geschoss mit nichts außer Fäkalienpornos und Zubehör für diese Spielart.

Ich finde das krank: Kindersexpuppen.
Ich finde das krank: Kindersexpuppen.

Dieses Geschäft erlaubt es mir nun auch, eine alte Legende aufzudecken. Lange haben wir darüber gerätselt: Getragene Höschen aus dem Automaten. Gibt es sie? Gibt es sie nicht? Der letzte Stand war: Alles Blödsinn – Urban Legend.

Mit Fug und Recht sage ich: Es gibt sie.

Höschen aus dem Automaten
Höschen aus dem Automaten

Für 500 Yen kann man ein Plastikbällchen mit einem (so jedenfalls behauptet es das Etikett) getragenem Höschen kaufen. Und ja, ich habe eines gekauft – die einhellige Meinung der Betto-Cho Crew ist: Könnte echt sein.

Pro Wrestling NOAH

Neben Tokyo gilt Ōsaka als der zweit wichtigste Wrestlingmarkt Japans. Wrestling ist in Japan ein kulturelles Gut und wird von vielen Menschen, vor allem Männern der oberen Einkommensschicht, besucht.

Colt Caban in Action
Colt Caban in Action

Insofern fand ich mich in der Halle zwischen einer ganzen Menge Anzugträgern wieder. Da ich mir natürlich das 8000 Yen Premiumticket gekauft hatte und im normalen Shirt da war, fiel ich doppelt auf.

Wrestlingshows in Japan sind extrem strange: Es ist die ganze Zeit ziemlich ruhig, dann flippen die Japaner kurz aus, dann ist es wieder ruhig. Spannend fand ich vor allem, dass die Ausraster vor allem bei Matchszenen vorkamen, die wenig spektakulär waren.

Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto
Takeshi Morishima vs. Daisuke Sekimoto

Die Show dauerte, inklusive Pause, gute 2 1/2 Stunden, was ich als normal bezeichnen würde. Die Stimmung war gut, aber nicht mit Deutschland zu vergleichen. In jedem Fall waren alle sehr freundlich zu mir – ich war tatsächlich der einzige gaijin, abgesehen von den Wrestlern.

Nach der Show habe ich mich noch fast 30 Minuten mit Colt Cabana und Chris Hero unterhalten. Ich glaube beide waren froh, dass jemand ihre Sprache spricht. Für mich war das ein perfekter Abschluss für einen geilen – und merkwürdigen – Tag. Cool war vor allem, dass Colt sich an einen Tweet erinnert hat, den ich vor zwei Tagen getwittert habe – darüber habe ich mich sehr gefreut.

Colt Cabana, ich, Chris Hero
Colt Cabana, ich, Chris Hero

Prozession am Hachijinja

Nach dem gestrigen Tag wollte ich heute ein wenig entspannen. Der Anruf von Birte mit mit der Frage „Beim Hachijinja ist heute eine große Prozession, wollen wir hin?“, veranlasste mich dann doch dazu, mich aus dem Haus zu bewegen. Trotz leicht blauem Fuß ging es also zum Hachi-Schrein.

Wir konnten bei der Eröffnungszeremonie teilnehmen und auch die Prozession beobachten.

Dabei wird eine Art Sänfte, in der sich der Kami (=Gott) befindet durch die Straßen um den Schrein getragen. Da die Kami Wesen sind, die recht hohe Ansprüche haben, ist es nötig, sie mit derartigen Prozessionen zu erfreuen.

Die Minischreine, die von den Gläubigen getragen werden, wiegen mehrere hundert Kilogramm. Sie werden in einer Art „Springlauf“ durch die Straßen getragen – den Gesichtern nach wahnsinnig anstrengend.

Unten findet ihr eine ganze Menge Bilder dieser Prozession und auch ein Video. Viel Spaß!

Affentheater und andere Erlebnisse

Horror im Zoo

Kyōto Municipal Zoo
Kyōto Municipal Zoo

Als großer Fand von Tierparks und Zoos musste ich natürlich auch in Japan einen Zoo besuchen. Ich schätze an Tierparks und Zoos vor allem, dass sie sich oft für Tierschutz etc. engagieren. Klar: Darüber kann man streiten, ich nehme das aber meistens so wahr.

Bereits vor dem Zoobesuch hier in Kyōto, wurde ich darauf hingewiesen, dass man keine deutschen Standards erwarten könne. Insofern bin ich mit etwas gemischten Gefühlen in den Kyōto Municipal Zoo gefahren.

Der Elefant im "Auslauf"
Der Elefant im „Auslauf“

Diese sehr gemischten Gefühle haben sich größtenteils zu echtem Entsetzen und Ekel entwickelt. Doch zunächst eine kurze Beschreibung: Der Zoo an sich ist nicht besonders groß – das war bereits bei einem Blick auf die Karte klar. Der Eintritt von 600 Yen ist trotzdem recht günstig. Das gilt für Zoos in Deutschland aber ebenso, vor allem, wenn sie gefördert werden.

Das Grauen begann mit einem Blick auf den Elefanten: Alleine in einem komplett aus Beton bestehenden „Auslauf“, der etwa 40m² misst (Schätzung). Das Tier hat darin zwei alte Reifen als Spielzeug und ist an beiden Vorderfüßen mit Ketten gefesselt. Ich bilde mir das vielleicht ein, aber er wirkte verzweifelt.

Von hier aus führte mich der Weg weiter an Vogelgehegen vorbei, die ich im Großen und Ganzen okay fand – nicht besonders groß, aber sauber und für mein Empfinden naturnah eingerichtet (leider sind die Fotos alle so unscharf, dass man nichts erkennt – die Gitter sind schuld).

Das Amphibienhaus entspricht in etwa dem, was man auch in Europa finden würde – Schildkröten, Alligatoren, Fische, Schlangen. Ich kenne mich mit deren Haltung nicht aus, aber das war mit Deutschland vergleichbar.

Affenloch
Affenloch

Das neuerliche Entsetzen ließ aber nicht lange auf sich warten: Vor dem, vor kurzem renovierten, Affenhaus, befindet sich ein „Gehege“ für Schimpansen. Gehege ist kaum der richtige Begriff – viel mehr müsste man von „Loch“ sprechen – denn mehr ist es nicht. Ein Loch im Boden, betoniert, mit einem „Kletterbaum“ aus Stahl. Keine Bäume, keine Sträuchern und außer alten Reifen und Ketten keinerlei Spielzeug.

Gorillapapa
Gorillapapa

Mein Weg führte mich weiter ins Gorillahaus. Da die Gorillas vor etwa einem halben Jahr Nachwuchs bekommen haben, hat man sich hier mächtig ins Zeug gelegt und, jedenfalls für mein Empfinden, ein wirklich gutes Gehege gebaut. Der kleine Gorilla kletterte ziemlich viel umher, es gibt viele Pflanzen; die Tiere wirkten jedenfalls nicht schlecht behandelt.

Auch die Gehege für „Kleinaffen“ um die Ecke war in gutem Zustand – es gehört allerdings zum Neubau dazu.

Von hier ging es auf eine Plattform, die mich auf „Giraffenkopfhöhe“ brachte. Auch hier: Stellenweise mit Sand bedeckter Betonboden ohne wirklichen Auslauf. Ein einsames Zebra stand reichlich verängstigt in einer Ecke.

Zumindest dieser possierliche Kumpel hatte es ganz gut
Zumindest Tsukushi hatte es ganz gut

In unmittelbarer Nähe der Giraffen leben europäische Kleintiere: Ein Fuchs, ein Dachs und andere Tiere. Hier hat mir wirklich das Herz geblutet. Die „Gehege“ liegen direkt neben einer Art Minifreizeitpark, mit permanentem Geschrei und Gedudel von irgendwelcher Musik. Der Fuchs saß völlig verängstigt und sichtbar zitternd(!) in der Ecke seines etwa 5m² großen Gefängnisses. Der Dachs hat geschrien. Ununterbrochen.

Einige weitere Kleintiere hatten es vergleichsweise gut und wirkten ziemlich fidel. Nach dem dem, was ich gesehen hatte, dachte ich, es könne nicht schlimmer werden. Doch weit gefehlt – der echte Schock wartete um die Ecke.

Ein Löwe und eine Löwin (Nile und Cris) leben hier zusammengepfercht in einem etwa 25m² großen Betonraum. Umgeben von Gitterstäben lagen beide Tiere einfach nur herum – was sollten sie sonst auch tun. Irgendwann kam eine Schulklasse, die lärmte, was Nile zum Brüllen animierte.

Tigerkäfig
Tigerkäfig

Direkt daneben gibt es drei Tiger. Und drei Tigerkäfige. Ja, genau: Rudeltiere werden getrennt in winzigen Käfigen gehalten. Man kommt auf 15cm(!) dicht heran: Vor den Gitterstäben befindet sich eine Art besserer Hasendraht. Die Tiger waren alle völlig aufgeregt und überaus aggressiv (wer kann es ihnen verdenken), was durch Vollidioten, die gegen die Gitter klopfen nicht besonders besser wurde. Einer der Tiger schlug mehrfach gegen die Gitterstäbe – das animierte die Leute dazu, das Tier noch mehr zu provozieren. Mir ist fast die Kotze hochgekommen.

Leider ist mein Japanisch lange nicht gut genug, um die Leute zu fragen, ob sie noch alle Nadeln an der Tanne haben – daher blieb mir nichts anderes über, als empört und geschockt zu gehen. Und diesen Teil des heutigen Eintrages zu verfassen. Gekoppelt daran der große Appell, japanische Zoos zu boykottieren und nicht zu besuchen.

Thank your for your cooperation!
Thank you for your cooperation!

Vor dem Ausgang hielt mich dann noch eine Gruppe aufgeregter, japanischer Schüler_Innen auf und bat um ein Interview, das sie für ihren Englischunterricht machen sollten. Das war eine sehr nette Begegnung und natürlich habe ich die Fragen beantwortet und ein Foto mit den Kids gemacht. Leider war mein Kameraakku zu dem Zeitpunkt leer. Als Dankeschön bekam ich von der Gruppe ein Geschenk in Form einer Englisch beschrifteten Karte mit einer Empfehlung, was der Lieblingsort der Kinder ist.

Vom Bambuswald zum Gipfel

Bamboo Forst, Sagano
Bamboo Forst, Sagano

Der Ausflug, den wir für Samstag geplant hatten führte uns zum Arashiyama (嵐山 – „Sturmberg“). Der Stadtteil gleichen Namens liegt im äußersten Westen Kyōtos und hat eine ganze Menge zu bieten. Vor allem wollten wir den relativ bekannten „Bamboo Forest“ in Sagano besuchen.

Das Weg durch dieses Areal ist wirklich sehr schön und zu empfehlen. Ein echter Bambuswald hat ein sehr eigenes Flair, was mit europäischen Wäldern nicht zu vergleichen ist. Der Bereich ist touristisch natürlich sehr erschlossen, was bedeutete, dass man hier kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Trotzdem hat sich der Spaziergang sehr gelohnt.

Gartenanlage des Tenryū-ji
Gartenanlage des Tenryū-ji

Auf dem Weg liegt auch ein Teil des Tenryū-ji (der Tempel, in dem wir auch den Roshi getroffen haben). Vor allem die Gartenanlage hier ist wunderschön und der Abstecher und der Eintritt haben sich mehr als gelohnt.

Von hier aus führte uns der Weg weiter durch den Bamboo Forest und durch ein sehr schönes Gebiet ans Ufer des (jedenfalls hier noch) Hozugawa. Auf diesem Fluss sind viele Boote unterwegs, die Touristen durch das sehr bekannte und wirklich sehr schöne Tal fahren. Das Besondere ist, dass auf vielen der Boote gegrillt wird, während die über den Fluss fahren und, dass sie gestakt werden.

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Berg- und Talfahrt

Der Mount Hiei, oder Hiezan (比叡山), wie es auf Japanisch heißt ist ein Berg, der die nord-östliche Grenze Kyōtos festlegt. Mit gut 848m Höhe für ein Nordlicht wie mich ein ziemlicher Kawentsmann.

Cool (ich) and the gang (der Rest) ;-)
Cool (ich) and the gang (der Rest) ;-)

788 gründete der Mönch Saichō auf dem Hiezan den Enryaku-ji, bis heute das Zentrum der bedeutenden, buddhistischen, Tendaischule. Der enorm große Tempel teil sich in mehrere Untertempel und Schreine, von denen heute viele zum Weltkulturerbe gehören.

Besonderer Clou dieses Fieldtrips war, dass sich uns zwei japanische Studentinnen anschlossen, die bei Prof. Doi (dem Direktor des NCC) studieren.

Die Glocke im Enryaku-ji
Die Glocke im Enryaku-ji

Im Enryaku-ji gibt es eine ganze Menge Tafeln, die das Entstehen der Tendaischule erklären (leider nur auf Japanisch) und, die Mönchen gewidmet sind, die für Tendai in irgendeiner Form wichtig sind.

An einer großen Glocke kann man für ein kleines Opfer Wünsche und Gebete loswerden. Ohnehin spielt „Krach“ oft eine große Rolle: Um die Aufmerksamkeit eines Gottes auf sich und den Wunsch zu ziehen, ist es nötig, eine Glocke oder einen Gong zu schlagen.

Nicht verlassen - nur lange nicht benutzt
Nicht verlassen – nur lange nicht benutzt: Der Priester Eshin hat hier studiert

Interessant ist die Anlage auch, weil es diverse Tempelgebäude gibt, die verlassen scheinen. Herr Repp erklärte, dass diese Bereiche nur zu sehr besonderen Anlässen benutzt werden, so gibt es einen Ritus, bei dem 1000 Tage am Stück meditiert wird. Während dieser Zeit müssen bestimmte Bereiche zur Meditation benutzt werden.

Yokawa Chudos 1000 Buddhas
Yokawa Chudos 1000 Buddhas

Auf dem Hiezan befindet sich auch der Yokawa Chudo. In diesem „Untertempel“ wird das Bild des Boddhisatva Kannon verehrt. Im Tempelgebäude gibt es tausende Buddhafiguren – jeweils etwa 15cm hoch und vergoldet. Sie sind rund herum um das eigentliche Heiligtum aufgestellt. Neben jeder Figur ist ein Schild angebracht, das den Spender nennt. Auch diese Form von Verdiensten ist nötig, um das eigene Karma zu verbessern.

Syakodo
Syakodo

Der Hieizan ist ein heiliger Berg – die Tempelanlage gewaltig. Wir haben sehr, sehr viele Tempel besucht: Alle mit kleinen Eigenheiten. Auf jeden einzugehen wäre zu viel. Irgendwie bewegend fand ich einen kleinen Tempel in der Nähe zum Grab von Ganzan Jie Daishi: Syakodo.

Der Garten des Tempels ist als karesansui angelegt – als „trockener Garten“. Sobald man durch das Tor geht, welches zum Garten führt ist man in einer anderen, ruhigeren Welt. Ich kann das nicht beschreiben, aber das Gefühl war unglaublich.

Jizōfiguren mit alten Tüchern
Jizōfiguren mit alten Tüchern

In unmittelbarer Nähe zum Grab fanden wir auch zwei Jizōfiguren mit alten, verwitterten Tüchern. Der Kult um den Mönch und Schüler Buddhas, Jizō, besteht vor allem darin, dass Jizō die Seelen in die Unterwelt begleitet. Jizō gilt vor allem auch als Beschützer toter (und besonders abgetriebener) Kinder. Daher findet man seine Figuren sehr, sehr oft in Japan. Frisch umgebundene Tücher sind ein Zeichen für den Tod eines Kindes in jüngster Vergangenheit.

Zwei verwitterte Tücher zu sehen war daher ein bedrückendes Gefühl.

Mit dem Bus, der auf dem Hieizan fährt, ging es dann – natürlich – zum Gipfel. Der Ausblick über die umgebenden Berge und Städte war der Wahnsinn.

Aussicht vom Hiezan
Aussicht vom Hiezan

Die Talfahrt gab es dann einige Tage später.

Über einen Professor waren wir ins Bazar Café eingeladen. Dieser Ort richtet sich vor allem an Menschen, die Probleme jedweder Art haben. Hier waren wir zu einer kleinen Feier mit einigen Amerikanern und den Menschen, die im Café arbeiten eingeladen.

Bazar Café
Bazar Café

Zwischen Berichten zu Drogen, Gewalt zu Hause, Abtreibung, Einsamkeit usw. gab es trotzdem viel zu lachen und sehr, sehr nette Gespräche. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, mein Praktikum hier zu absolvieren, daher widme ich mich dem Bazar Café in einem eigenen Post nochmal intensiver.

Zwischen Hirschen

Der Große Buddha im Tōdai-ji
Der Große Buddha im Tōdai-ji

Nara … eine Stadt, süd-westlich von Kyoto, die bedeutend ist, für die japanische Geschichte.  Von 710 bis 784 war Nara Japans Hauptstadt und Sitz des Kaisers. Aus der „Narazeit“ stammen auch viele der imposanten Tempelanlagen – und vor allem der Daibutsu – der Große Buddha.

Diese 15m hohe Bronzefigur alleine wäre schon einen Besuch wert, die Great Buddha Hall des Tōdai-ji ist das größte Holzgebäude der Welt und nicht minder beeindruckend, wenn man davor steht, bzw. hindurch geht. 

Reinigung im Tōdai-ji
Reinigung im Tōdai-ji

Der Tōdai-ji ist touristisch – natürlich – sehr erschlossen und daher sehr gut besucht. Zur Reinigung benutzt man hier kein Wasser, sondern Räucherstäbchen, daher liegt in der Halle des Daibutsu ein Duft von Weihrauch.

Nara ist aber nicht nur für seine Tempel bekannt, sondern auch – und vielleicht vor allem – für die Hirsche, die in der Stadt frei herumlaufen.

Ein Hirsch in Nara
Ein Hirsch in Nara

Der Legende nach, ritten die vier Kami des Kasuga-Schreins auf Hirschen, daher wurden diese von der Fujiwara-Familie (im Prinzip die bedeutendste japanische Adelsfamilie des Altertums) besonders geschützt. Einmal im Jahr werden den wilden Hirschen von Shintō-Priestern die Geweihe geschnitten.

Die Gojūnotō - mit 50m die zweithöchste Pagode Japans
Die Gojūnotō – mit 50m die zweithöchste Pagode Japans

Der Nara-Park, in dem auch der Tōdai-ji liegt, hat aber noch mehr Tempel und Schreine zu bieten. So z.B. den Kōfuku-ji, in dem zwar augenblicklich gebaut wird (man baut eines der ursprünglichen Tempelgebäude wieder auf), der aber vor allem wegen der Gojūnotō, der zweitgrößten Pagode Japans, trotzdem sehr sehenswert ist.

Ein Priester im Kasuga-Taisha
Ein Priester im Kasuga-Taisha

Doch nicht nur Tempel, auch Schreine bietet der Nara-Park. Im Kasuga-Taishi konnten wir zwar nicht in den inneren Bereich, aber das hatte einen guten Grund: Als wir kamen, wurde gerade eine religiöse Zeremonie abgehalten, die auch von außen sehr gut zu beobachten war.

Das Schreingelände ist sehr groß und besteht aus diversen Unterschreinen, Nebengebäuden, alten Lagerhäusern und hunderten von gespendeten Laternen, die die Wege säumen. Bei bestimmten Festen werden alle Laternen entzündet, was eine unglaubliche Atmosphäre sein muss – ich hoffe sehr, die Gelegenheit zu haben, das zu sehen.

Figur für den Drachentanz
Figur für den Drachentanz

Ein schönes Nebenerlebnis war es für mich, echte Figuren für den Löwen- oder Drachentanz zu sehen, die in einem Nebenschrein aufgebaut waren.

Der Field Trip nach Nara führte uns auch noch in eine christliche Gemeinde. Hier wurden wir von einem der Kirchenältesten (entspricht dem Kirchenvorstand) geführt.

Das einem Dach nachempfundene Pult
Das einem Dach nachempfundene Pult

Auffällig an der Japanese Episcopal Nara Christ Church ist, dass von einem Tempelarchitekten entworfen wurde. Das Innere der Kirche besteht fast vollständig aus Holz und diverse Elemente des Tempelbaus finden sich in der Kirche.

Besonders angetan hat es mir das Pult, das einem traditionellen japanischen Dach nachempfunden ist und, so wurde uns erklärt, dafür steht, das Evangelium „von den Dächern zu Verkünden“.

Deutsch beschriftete Register
Deutsch beschriftete Register

1987 wurde in der Kirche die einzige Orgel in der Präfektur Nara installiert, die 20 Register hat und von einer deutschen Firma nach Japan gebracht und aufgebaut wurde. Die Register und Pedale sind auf Deutsch beschriftet. Klassischer Orgelbau aus Deutschland in einer – aus Respekt in einem bestimmten Tempelstil gebauten – Kirche. So kann religiöses Miteinander gelingen. Mir hat das sehr zu denken gegeben.

Gangō-ji
Gangō-ji

Von der Christchurch aus ging es zum Gangō-ji – dem ältesten Tempel Japans. Die Architektur unterscheidet sich sehr von den Tempeln, die wir bisher besucht haben. Sehr viel gedrungener wirkt der Bau. Im Inneren – wo man, wie üblich – nicht fotografieren darf, ist er ebenfalls sehr viel niedriger und gedrungener.

Ich muss gestehen, dass ich hier nach fast sechs Stunden ziemlich fertig war und den Tempel nicht entsprechend gewürdigt habe – schade eigentlich. Auf dem Tempelgelände gibt es ein kleines Museum, dessen Exponate sehr interessant sind und einige jahrhundertealte Schriften und religiöse Kunstgegenstände ausstellt.

Ein bettelnder Mönch
Ein bettelnder Mönch

Vom Gangō-ji aus ging es für uns dann wieder in Richtung Bahnhof mit dem Ziel Kyōto. Aber auch am Bahnhof liefen uns Japans Religionen über den Weg: Ein Mönch, der für seinen Tempel und die Mönchsgemeinschaft bettelte, stand in traditioneller Bettelkleidung vor dem Bahnhofsgebäude. Auch ein Anblick, den ich so schnell nicht vergessen werde. Für meine kleine Spende segnete er mich quasi „im Vorbeigehen“. Das ist das Japan, das sich als säkular versteht.

Ein besonderes Souvenir gab es übrigens an der Christchurch:

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Bittere Erfahrungen

Der erste „echte“ Field Trip liegt hinter uns.

Um 8:45 Uhr ging es auf Einladung von Tanaka-sensei, einem Zenlehrer, mit der Regionalbahn los in Richtung Obakusan Mampukuji. Dieser große Tempel hat nicht nur religionsgeschichtlich große Bedeutung für Japan.

Rund 60.000 Druckplatten werden im Tempel aufbewahrt
Rund 60.000 Druckplatten werden im Tempel aufbewahrt

In einem Nebentempel, dem Obakusan Hozoin Tempel, werden rund 60.000 Druckplatten aufbewahrt, um den buddhistischen Kanon zu drucken. Ab 1669 herum sammelte der Mönch Tetsugen Dōkō Geld, um die Platten und die Drucktechnik anschaffen zu können. Über Japan brach eine große Hungersnot herein und er kaufte von dem gesammelten Geld Reis für die Hungernden. Das gleiche geschah bei der zweiten Sammlung wieder und erst mit der dritten Sammlung gelang es, nach 1680, die Druckplatten anzuschaffen.

Ein Mönch bei der Druckarbeit
Ein Mönch bei der Druckarbeit

Zwar werden buddhistische Schriften heute in der Regel per Maschine gedruckt, im Obakasun Hozoin Tempel wird die alte Kunst des Druckens aber bewahrt. So werden die hölzernen Platten noch heute benutzt. Ein uraltes Handwerk, welches Jahre des Übens benötigt, bis man es beherrscht. Das Drucken, so erklärte uns Herr Tanaka, sei eine „Aufgabe der Bodhisattvas„, also eine besondere Aufgabe, die nur diejenigen erfüllen dürfen, die nach der höchsten Erleuchtung streben und dabei schon sehr weit gekommen sind.

Verzierungen werden auch per Hand gedruckt
Verzierungen werden auch per Hand gedruckt

Doch nicht nur Texte werden gedruckt – ähnlich wie bei Schmuckbibeln aus Europa werden die Druckerzeugnisse mit prächtigen Bildern geschmückt. Dabei werden nicht nur der Einband, sondern auch einzelnen Seiten besonders verziert.

Zum Drucken wird die Druckplatte mit Tinte bestrichen, dann Papier aufgelegt und auf der Rückseite des Papiers mit einem ledernen Werkzeug entlang gestrichen, bis die Tinte gleichmäßig verteilt ist.

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Runde Tore sind charakteristisch für chinesische Architektur

Vom Hozoin Tempel führte uns Herr Tanaka dann zum eigentlichen Haupttempel und führte uns persönlich durch das Heiligtum, das sich wesentlich von den bisher besuchten Tempeln unterscheidet. Im

Eine Buddhadarstellung
Eine Buddhadarstellung

Gegensatz zu den meisten Tempeln, handelt es sich beim Mampukuji um einen Tempel, der unter großem chinesischen Einfluss steht. Dies drückt sich sowohl in der Architektur, als auch in Verzierungen und Buddhadarstellungen, sowie Schutzgöttern aus.

Der Tempel wird von insgesamt vier Schutzgöttern bewacht
Der Tempel wird von insgesamt vier Schutzgöttern bewacht

Der Tempelbau begann 1661 unter dem chinesischen Gründer, Zenmeister Ingen. Manpukuji ist heute der Haupttempel der Obakusekte (wobei „Sekte“ in Japan eher Lehre meint und keinerlei negative Konnotation hat!).

Herr Tanaka führte uns nicht nur durch die Gebäude des Tempels, sondern auch durch den Garten. Hier wachsen viele Pflanzen, aus denen die Mönche noch heute Arznei gewinnen und die in erster Linie aus China importiert sind. Die Pflege des Gartens obliegt den Mönchen.

Ein Mönch bei der Zenunterweisung
Ein Mönch bei der Zenunterweisung

Ebenso kümmern sich die Mönche um die Besucher des Tempels. Nicht nur Touristen kommen, sondern auch viele Gläubige, die von den Mönchen teilweise in den Techniken des Zen unterwiesen werden. Während unseres Aufenthaltes konnten wir von außen einer solchen Unterweisung zuschauen.

Ein ehemaliger Teilnehmer am ISJP hat übrigens ein ganzes Jahr im Mampukuji verbracht und dort Zentechniken gelernt.

Herr Tanaka erklärt den Garten
Herr Tanaka erklärt den Garten

Von einem besonderen Strauch durften wir eine heilende Beere kauen. Das Lächeln von Herrn Tanaka hätte vielleicht vorsichtig machen sollen – aber Medizin muss bitter sein, sonst hilft sie nicht.

Ich jedenfalls fühle mich schon viel gesünder, als je zuvor … – danke an Christoph, der ein ausgezeichnetes Gespür für den Auslöser der Kamera beweisen hat.

Medizin muss bitter sein ...
Medizin muss bitter sein …

Den Namen der Beere weiß ich leider nicht – Herr Tanaka hat mich scheinbar falsch verstanden, denn unter „Oboku“ kann ich keine Pflanze finden. Einige Samen hat er mir aber für den heimischen Garten mitgegeben. Wer weiß, wofür die nochmal gut sind.

Wein im Tempelbüro
Wein im Tempelbüro

Nach dem Gang durch den Tempel lud her Tanaka uns noch ein, mit Tempelbüro einen kleinen Imbiss mit ihm einzunehmen. Der erwies sich schnell als Tee (natürlich) und zwei Flaschen Wein. Weißwein aus Neuseeland und Rotwein aus Japan. Herr Tanaka gestand uns, ein großer Weinliebhaber zu sein. Sein Traum? „A winemonastery for zenmonks.“

Auf dem Rückweg zum Bahnhof hatten wir etwas Glück: Ein japanischer Reiher saß auf einem der Tempelgebäude und erwies sich als äußert fotogen.

Ein japanischer Reiher
Ein japanischer Reiher